Österreichische Nationalbibliothek Zwei europäische Metropolen im Lauf der Jahrhunderte
 
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    Festrede von
Pavel Kohout

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Eigentlich ganz logisch, dass für die Festrede zur Eröffnung gerade dieser Ausstellung ein Schriftsteller erkoren wurde, den man seiner doppelten Staatsbürgerschaft wegen einen Hermaphroditen nennen kann. Doch bin ich nur die Fortsetzung einer Tradition: Alle Meister der tschechischen Literatur, die ich in der Volksschule kennenlernte, waren amtlich gebürtige Österreicher. Ich hege den Verdacht, dass es bei mir ganz umgekehrt funktionieren soll...

Dank dieser Position habe ich mir einen Blickwinkel angeeignet, aus dem ich vieles klar sehen kann, was bei den einen oder anderen an die Mauer des Unverständnisses stößt. Und bei der geschichtlichen Konfrontation unserer beider Gesellschaften - ich wähle das Wort Gesellschaft anstatt Volk, denn wenn uns etwas am stärksten verbindet, dann unsere völkische Vielfalt, in nicht wenigen von uns als ein echter ethnischer Cocktail personalisiert! - also beim historischen Rückblick bin ich so konsequent Mal Täter, Mal Opfer, dass ich mir Schlussfolgerungen in beide Richtungen "sine ira et studio" erlauben darf. Und genau so, ohne Hass und Emotionen, kann ich das versprochene Beispiel einbringen, das in diese Gemäuer besonders gut passt.

1620. Auf einem Hügel vor Prag, Weißer Berg genannt, verlieren die Tschechen ein Scharmützel, das sich nachträglich als ihre Schicksalsschlacht erweist. Der rührende protestantische Adel wird zur Strafe enthauptet und enteignet, das Land, das über zweihundert Jahre den hussitischen Kelch auf dem Banner trug, wird rekatholisiert und germanisiert. Man tut es gekonnt mit Zuckerbrot und Peitsche. Ruhm und Reichtum der neuen Herrscher werden in der barocken Pracht sichtbar, Macht und Strenge auf dem Scheiterhaufen. Binnen nur einer Generation lesen, schreiben und sprechen die städtischen Wendehälse nur noch deutsch.

Auf dem weiten Land jedoch gehen die Uhren anders, denn die Bauern, eher ein Teil der Natur, sind nicht so windig wendig in ihrem Glauben. Ihr Herz und Magen lehnen es ab, den geliebten Märtyrer Jan Hus auf Befehl von oben zu verdammen und durch eine Schar ihnen unbekannter Heiliger zu ersetzen. Und sie wollen die Heilige Schrift nach wie vor in ihrer Muttersprache lesen und hören, die katholische Vulgata ist ihnen völlig fremd.

Zum Albtraum der Besatzer und ihrer eifrigen Helfershelfer wird deswegen in kurzer Zeit die tschechische Bibel, nach dem Ort der südmährischen Druckerei "Die Kralitzer" genannt. Jahr für Jahr fahndet man Tag und Nacht überall nach diesem gefährlichsten Buch aller Bücher. Wer es versteckt, geschweige denn, wer sich seiner bei geheimen Hausmessen bedient, wird meistens samt Fund verbrannt. Trotzdem wird es mühselig wieder und wieder abgeschrieben und dank dessen auch weitere zweihundert Jahre massenhaft gelesen - das erste Samisadat-Buch im Herzen Europas.

Und: Wer diese Bibel als Quelle seines Glaubens bewahren wollte, musste logischerweise auch ihre Sprache behalten. So blieb das vielschichtige und synonymreiche Tschechisch der Kralitzer sogar in seiner literarisch hochstilisierten Form die Muttersprache des breiten Volkes. Als eine positive Zeitbombe der nationalen Hoffnung tickte sie dann bis zu jener Zeit, als die industrielle Revolution dringend nach Arbeitskräften rief, die nur vom Lande kommen konnten. Zehn Jahre genügten, bis Prag wieder einen tschechischen Bürgermeister hatte!

Noch einmal, 1848, schlug die Faust der Habsburger zu, doch dann begann bereits der ebenso dornen- wie siegreiche Weg zur Demokratie. Und diejenigen, die den Tschechen und anderen Völkern der Monarchie weitere Barrikaden ersparten, waren gerade die Bürger von Wien und später die Bürger im gesamten Kernland, die den Zug zur Freiheit ebneten. Nur im Windschatten dieses Prozesses konnten sich die tschechischen Eliten entwickeln, um künftig ihr Anliegen schwierig aber friedlich im Wiener Parlament zu erkämpfen.

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Prag:Wien