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Was verursacht die starken Verfärbungen handgeschöpfter Papiere aus dem 17. Jahrhundert? Restaurator*innen auf der Spur eines ungeklärten Phänomens.
Autorin: Sandra Möller
Eine große Anzahl von Druckwerken der Frühen Neuzeit zeigt lokal begrenzte oder ganzflächige Verfärbungen im Buchblock. Diese Farbveränderungen sind nicht nur ästhetische Mängel, sondern bieten auch wertvolle Einblicke in die Herstellungsprozesse und die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen jener Zeit. Sie weisen außerdem auf Degradationsmechanismen der Materialien hin, die möglicherweise bereits während des Herstellungsprozesses initiiert wurden. Das Institut für Restaurierung der Österreichischen Nationalbibliothek beschäftigt sich intensiv mit den möglichen Ursachen und vor allem der Frage, ob konservatorischer Handlungsbedarf besteht.
Das 17. Jahrhundert markierte einen Wendepunkt in der Papierherstellung, als die Papiermacher*innen ihre Produktionsgeschwindigkeit erhöhen und gleichzeitig die Kosten senken mussten, um die Bedürfnisse der wachsenden Druckindustrie zu erfüllen.1 Der steigende Bedarf an Papier resultierte aus der zunehmenden Verwaltung und Bürokratie in der Frühen Neuzeit sowie durch höhere Auflagen von Büchern, Flugblättern und dann auch Zeitungen. Bildung und Alphabetisierung verbreiteten sich, vor allem im protestantischen Raum. Es entwickelte sich eine leistungsfähige Papierwirtschaft mit internationalen Handelsbeziehungen trotz großer politischer und wirtschaftlicher Krisen wie dem Dreißigjährigen Krieg und seinen Folgen. Die Zahl der Papiermühlen stieg kontinuierlich: Um 1600 gab es in Deutschland etwa 200–300 Mühlen, bis 1700 waren es über 1.000.2 Diese Veränderungen hatten tiefgreifende Auswirkungen auf die Qualität des Papiers und die Haltbarkeit der gedruckten Werke.
Es gibt viele verschiedene Phänomene von Verfärbungen in gedruckten Büchern, die sich teilweise überlagern und eine Interpretation erschweren. Die meisten waren sicherlich zuerst, wenn überhaupt, nur latent sichtbar und haben sich im Laufe der Alterung verstärkt.
Verfärbungen und Flecken können – obwohl sie normalerweise als störend wahrgenommen werden – als Spuren historischer Herstellungstechnologien einen wichtigen Beitrag zur Interpretation des Objektes liefern.
Ein interessantes Beispiel dafür sind Verfärbungen in Form textilartiger Abdrücke auf einzelnen Seiten. In der Frühdruckzeit wurde Papier mit Gelatine geleimt und durch Glätten mit dem Polierstein oberflächlich verdichtet, um es beschreibbar zu machen. Es zeigte sich bald, dass diese Blätter für das Bedrucken mit ölbasierten Druckfarben jedoch ungeeignet waren. Daher musste das Papier vor dem Druck erneut angefeuchtet werden: hier durch Auflegen eines feuchten Gewebes (Abb. 2). Heute sind die Bereiche, die in Kontakt mit dem Textil waren, verbräunt – die genaue Ursache ist jedoch bislang unklar.3;4
Verfärbungen des Satzspiegels kommen häufig vor, deren Ursache ist jedoch bisher auch noch nicht geklärt.5;6 Dass die Verfärbung sich im Bereich um die Drucktinte ausbildet und auch in die angrenzenden Seiten wandert, weist eher auf einen Zusammenhang mit Komponenten der verwendeten Druckertinte hin. Es handelt sich dabei normalerweise um eine kohlenstoffhaltige, ölbasierte Tinte: Lampenruß auf Leinölbasis. „Lampenschwarz“ wird durch die Verbrennung von Öl, Fett, Harz, Pech oder Asphalt hergestellt. Alaun, Bleiweiß oder Grünspan kommen als Trocknungsmittel vor. Im gezeigten Beispiel ist sehr gut zu erkennen, wie lösliche Bestandteile der Druckertinte im geschlossenen Buchblock auf die benachbarten Seiten „wanderten“ (Abb. 3 und 4). Die Eigenschaften der Tinte sind nicht nur vom stabilen Rußpigment, sondern vor allem vom Bindemittel und dem richtigen Mischungsverhältnis abhängig. Wenn pflanzliches Öl über einen zu kurzen Zeitraum gekocht wird, kann das zu einem niedrigviskosen, auslaufenden Bindemittel führen. Im Papier können sich transparente Ränder um die Druckfarbe bilden, die sich nach einiger Zeit braun färben.7
Ein besonderes Beispiel ist ein ganzflächig verfärbtes Papier von 1652 (Abb. 5). Das Papier des Druckwerks ist stark verbräunt – teilweise fast schon schokoladenbraun, und selbst bei vorsichtiger Handhabung droht es zu brechen oder einzureißen. Obwohl der gesamte Buchblock verfärbt ist, sind manche Seiten stärker betroffen. Man kann jedoch davon ausgehen, dass die Papiere seit der Bindung des Buches in den gleichen Umgebungsbedingungen gelagert waren. Eine Untersuchung der reflektierten Farbspektren (FORS) zeigte, dass die Farbigkeit aller Papiere identisch ist, nur der Farbton unterscheidet sich.8
Das Papier zeigt Spuren minderer Qualität: Das verwendete Rohfasermaterial ist inhomogen, die Blätter von geringer Grammatur, es gibt zahlreiche Knoten und Klumpen (Abb. 6).
Die Blattbildung ist ungleichmäßig und weist viele „Fehler“ wie „papermakers teardrops“ auf (Abb. 7). Ein oberflächlicher pH-Test zeigte sehr niedrige pH-Werte von etwa 3,5–4 an. Ein Eisentest mit Indikatorteststreifen im unbedruckten Papierbereich war positiv. Die Untersuchung der elementaren Zusammensetzung des Papiers (RFA) bestätigte Spuren von Eisen, allerdings in gleichmäßiger Verteilung sowohl im „helleren“ als auch im „schokoladenbraunen“ Teil des Buchblocks. Der einzige Unterschied ist ein geringerer Calciumanteil im dunkleren Papier (Abb. 8).9
In einer Studie zu amerikanischen Papieren des 19. Jh. heißt es, dass es „Dienstagspapier“ und „Samstagspapier“ gab: Am Dienstag wurde das Papier mit einer frischen Charge Gelatine geleimt, aber dieselbe Lösung war samstags bereits verschmutzt und mit Alaun versetzt, damit sie nicht verdarb – es ist anzunehmen, dass diese Vorgehensweise grundsätzlich Alltag in handwerklichen Betrieben war.10 Eine alaunhaltige oder minderqualitative Leimung wäre eine weitere mögliche Begründung für die starke Papierverfärbung.11;12
Allgemein kann das Papier als Paradebeispiel von Sparmaßnahmen im 17. Jahrhundert gelten: Die nicht ausreichend aufgeschlossenen Fasern können ein Hinweis auf eine Beschleunigung der Herstellung durch Verkürzung der Arbeitsschritte, aber auch auf die Verwendung minderwertiger Rohstoffe oder recycelter Papiere sein.13 Der Rottungs- und Stampfprozess war relativ langsam und weniger gut kontrollierbar. Erst ab 1670 wurde das Stampfwerk durch den leistungsfähigeren Holländer ersetzt – eine Maschine, die Lumpen deutlich schneller und gleichmäßiger zu Papierbrei verarbeitete. Das Papier wurde nicht oder nur noch wenig geleimt und der Zusatz von Calcium verringert. Gelatine, aber vor allem Calcium, beeinflussen jedoch die Stabilität und somit die Alterungseigenschaften von Papier.14 Diese Reduzierung führte zu einem Sinken des pH-Wertes der Papiere.15 Das feuchte Papier wurde nicht mehr aufwendig von Hand mit Polierstein oder Hammer, sondern unter erwärmten Eisenplatten geglättet.16 Eisen und andere Übergangsmetalle gelten als Katalysatoren der Abbaumechanismen von Papier. Vom rostenden Stampfwerkzeug oder aus dem Holländer gelöste und dann im Papiervlies eingeschlossene Eisenpartikel verursachen dunkle Flecken. Auch verunreinigtes eisenhaltiges Wasser kann eine Kontaminationsquelle gewesen sein, vor allem im Winter. Im gesamten Prozess des Papierschöpfens – vom Waschen, über das Rotten, bis hin zum Schöpfen – und schließlich Befeuchten mit Feuchtebrettern gab es unzählige Gelegenheiten, Metalle und andere Verunreinigungen in das Papier einzutragen. Auch die Dicke der geschöpften Papiere wurde statistisch signifikant verringert und verschiedene Papierqualitäten angeboten, um den rarer werdenden Rohstoff zu sparen.17 Die trotz aller Maßnahmen nicht aufzuhaltende Verschärfung der Rohstoffknappheit lässt sich an den zahlreichen Exportverboten, Lumpensammel- und Privilegienstreitigkeiten im 17. Jahrhundert ablesen und führte schließlich dazu, dass im 18. Jahrhundert nicht nur weiße Lumpen, sondern auch der Rohstoff für schlechtes Papier und Pappe zur Mangelware wurden.18
Alle Verfärbungen haben eines gemeinsam: Sie entstehen durch die Bildung farbiger, organischer Verbindungen im Rahmen alterungsbedingter Abbauprozesse im Papier. Die zugrundeliegenden Prozesse sind kompliziert und deren präzise Mechanismen bisher nicht eindeutig geklärt. Die Cellulosemoleküle werden im Laufe natürlicher Alterungsmechanismen (saure Hydrolyse, Oxidation, alkalischer Abbau) in immer kleinere Molekülfragmente gespalten – bis hin zu Glucose und dessen weiteren Abbau. Die Reaktionsprodukte treten durch Kondensationsreaktionen wiederum zu größeren, teilweise farbgebenden oxidierten Molekülgruppen zusammen. Die Abbaumechanismen werden durch Lichteinstrahlung, ungeeignete klimatische Bedingungen, Luftschadstoffe und metallische Komponenten beschleunigt. Nicht zuletzt ist auch die Gleichgewichtsfeuchte im Papier ein wichtiger Faktor für das Auftreten alterungsbedingter Farbveränderungen – es besteht also ein wichtiger Zusammenhang mit der Luftfeuchtigkeit in der Umgebung.19 Faserproben, die am Durchlichtmikroskop untersucht wurden, bestätigen, dass es sich in diesem Fall nicht nur um eine ästhetische Veränderung, sondern um einen weit fortgeschrittenen Degradationsprozess des Papiers (Abb. 9) handelt.
Die Möglichkeiten verschiedener non- und minimalinvasiver Untersuchungsmethoden bei der Ursachenermittlung sind nahezu erschöpft. Das Institut für Restaurierung plant die Herstellung von unterschiedlich kontaminierten Probekörpern für künstliche Alterungsversuche, um die Verfärbungen experimentell zu rekonstruieren. Die 1685 gedruckten Papiermacher-Verse – „Wir machen die Sachen, die nimmer vergehen, Aus Tücher die Bücher, die immer bestehen (...)“20 – stehen damit sinnbildlich wie praktisch auf dem Prüfstand.
Über die Autorin: Sandra Möller, MA ist Restauratorin am Institut für Restaurierung der Österreichischen Nationalbibliothek.
1 Hunter, Dard: “Papermaking, The History and Technique of an Ancient Craft”, 2. Aufl., New York 1978.
2 Franzke, Jürgen: “Zauberstoff Papier, Sechs Jahrhunderte Papier in Deutschland”, München 1990.
3 Entlesberger, Ilse, Manfred Schwanninger, Sigrid Eyb-Green, Manfred Mayer, Wolfgang Baatz: “Atypical discolourations and local differences in paper-surface structures: Investigation of the collection of incunabula of the Karl-Franzens-university, Graz”, Journal of Paper Conservation 12 (2011), 16–24.
4 Hanebutt-Benz, Eva-Maria: “Gutenbergs Erfindungen – Die technischen Aspekte des Druckens mit vielfachen Lettern auf der Buchdruckerpresse“, in: „Gutenberg, aventur und kunst – Vom Geheimunternehmen zur ersten Medienrevolution“, Stadt Mainz (Hrsg.), Mainz 2000, 158–189.
5 Bainbridge, Abigail W.: ”Non-destructive analysis of selective discolouration in two seventeenthcentury codices”, in: Journal of Institute of Conservation 38 (2015): 3–13.
6 Ligterink, Frank J., Henk Porck, Henk J. Porck, Wim J. Th. Smit: “Foxing Stains and Discolouration of Leaf Margins and Paper surrounding printing ink, Elements of a complex phenomenon in books”, in: The Paper Conservator 15 (1999), 45–52.
7 Stijnman, Ad: “Engraving and Etching 1400-2000: A History of the Development of Manual Intaglio Printmaking Processes”, London 2000, 63.
8 Faseroptische Reflexionsspektroskopie (FORS), durchgeführt von Maurizio Aceto, Prof. Dr. Maurizio Aceto, Dipartimento di Scienze e Innovazione Tecnologica, Università degli Studi del Piemonte Orientale, Alessandria, Italien; Wien, 25.6.2025
9 Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA), RFA-Bestimmung von Spektren ausgewählter Messpunkte und Mappings durchgeführt mit portablem RFA-Gerät Elio und ausgewertet durch DI Dr. Dubravka Jembrih-Simbürger, INTK, Wien, November 2024.
10 Baker, C. A.: “From the Hand to the Machine: Nineteenth-Century American Paper and Mediums: Technologies, Materials, and Conservation”, Ann Arbor 2010.
11 Kern, Marie: “Permanently bright? Predicting light-induced changes in white paper: Preliminary results”, ICOM-CC Meeting, Valencia 2023; https://www.icom-cc-publications-online.org/5614/Permanently-bright-Predicting-light-induced-changes-in-white-paper--Preliminary-results (zugegriffen am 17.7.2025).
12 Brückle, Irene: “The role of alum in historical papermaking”, The Abbey Newsletter 17/4 (1993), 53–57.
13 Reynard, Pierre Claude, “Quality and Quantity? Eighteenth-Century Acceleration of Hand Methods of Papermaking”, in: “Looking at Paper, Evidence & Interpretation”, Symposium Proceedings, Toronto, 1999, John Slavin, Linda Sutherland, John O’Neill, Margaret Haupt, Janet Cowan (Hrsg.), Canadian Conservation Institute, 112–121.
14 Barrett, Timothy, Cynthea Mosier: ”The Role of Gelatin in Paper Permanence”, Journal of American Institute for Conservation 34/3 (2013), 173–186.
15 Barret, Timothy, Mark Omsby, Joseph B. Lang: “Non-Destructive Analysis of 14th-19th Century European Handmade Papers, Restaurator, International Journal for the Preservation of Library and Archival Material, 37/2 (2016)
16 Van Velzen, S. T. J.: „The universe between felt and wire: A new look into the typology of Western made paper”, PhD Thesis, fully internal, Universiteit van Amsterdam, 2018; https://dare.uva.nl/search?identifier=0b9e4e6a-266c-4fd1-9b2f-b95e7d179ce1 (zugegriffen am 17.7.2025).
17 Reynard, Pierre Claude: “Manufacturing quality in the pre-industrial age: Finding value in diversity”, Economic History Review, LIII/3 (2000), 493–516.
18 Beyerstedt, Horst-Dieter: “Ich brauch Hadern zu meiner Mühl” – zur Rohstoffversorgung der Nürnberger Papiermühlen, in: „Zauberstoff Papier, Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Schloß Faber-Castell in Stein bei Nürnberg anlässlich des 600-jährigen Jubiläums der Papierherstellung in Deutschland“, Jürgen Franzke (Hrsg.), München, 1990, 99–104.
19 Banik, Gerhard, Irene Brückle: “Paper and Water, A Guide for Conservators”, München 2016.
20 Michael Kongehl, Königsberg i. Pr. 1685, abgedruckt in: Arnim Renker, „Das Buch vom Papier“, Wiesbaden 1951, 7.