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“Sie radeln wie ein Mann, Madame!”

Bibliothek

03.03.2026
Kurz und Fündig
Sepia-Foto von einer Person mit Rock, Bluse und Kappe auf einem Fahrrad

Auf der Suche nach Literatur zum Thema Fahrrad gibt es in den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek viel Interessantes zu finden. In diesem Blogbeitrag begeben wir uns auf die Spur dieser bahnbrechenden Erfindung des 19. Jahrhunderts und schmökern in vielfältigen Medien. Dabei zeigt sich: Frauen saßen schon bald fest im Sattel des Drahtesels.

Autorin: Elisabeth Briefer

In dem Werk "Sie radeln wie ein Mann, Madame" (Link zum Katalog) von Gudrun Maierhof und Katinka Schröder ist auf Seite 13 zu lesen, dass durch die Fürsprache der Großherzogin von Baden Baron von Drais 1818 ein Patent für seine Erfindung, das Laufrad, auf 10 Jahre befristet erhielt. Somit ist der Schluss zulässig, dass eine Frau maßgeblich an der Erfolgsgeschichte des Drahtesels beteiligt war. Grund genug, diesem Thema einen Bibliotheks-Blogbeitrag zu widmen.

Wie wird’s gemacht? Unser Rechercheweg Step by Step

Step 1: Recherche im Online-Katalog QuickSearch

Die unterschiedlichen (historischen) Namen dieses Fortbewegungsmittels wie beispielsweise Velociped, Draisine, Lauf-, Hoch- und Fahrrad erzielen bei einer Recherche im Bestandskatalog QuickSearch zahlreiche Treffer – einer informativer als der andere. Wir haben für Sie eine Auswahl getroffen:

Unter Verwendung der Suchbegriffe radfahren frau ist der Titel von Gustav Adolf Farner: "Das Strampelbüchlein. Ein kleines ABC des Radfahrens geschrieben für eine schöne Frau" besonders auffällig. In alphabetischer Reihung fabuliert der Autor mit viel Humor über das Wissenswerteste zum Thema und gibt uns auf Seite 8 eine lustige Weisheit mit auf den Radweg:

„Velofahren lernt man wie das Gehen am besten aus dem Gefühl. Fällt man hin, so ist das ein Zeichen dafür, daß man es falsch gemacht hat. Du steigst einfach wieder auf und fällst dann nicht mehr.“

Viele der vorhandenen Bücher enthalten fundierte Angaben zur Geschichte des Radfahrens und zeigen auf, dass diese Erfindung als bahnbrechend bei der Überwindung von kürzeren Distanzen galt. Neben der Zweckmäßigkeit wurde rasch klar, dass das Radeln – vielleicht sogar in Gesellschaft – große Freude bereiten kann.

Screenshot einer Website mit Suchergebnissen zum Begriff "radfahren frau".
Abb. 1: Ergebnisliste aus QuickSearch.

Aus all diesen Werken geht jedoch auch hervor, dass das Rad zunächst der Männerwelt vorbehalten war. Katrin Müller schreibt in ihrer Diplomarbeit (Link zum Katalog), dass Herr Drais bei seiner Entwicklung Frauen eher als Beifahrerinnen auf seinen drei- und vierrädrigen Konstruktionen gesehen hat. Sogenannte Tricyle – Dreiräder – wurden von Fabriken hergestellt und waren für ältere Männer und (mitfahrende) Damen gedacht.

Der Gebrauch des Zweirades wurde von Frauen hart erkämpft und wurde Teil der feministischen Bewegung, die international auf unterschiedlichsten Ebenen zu spüren war. Leicht wurde es den Velocipedistinnen nicht gemacht, dieser Art von Fortbewegung „Frau“ zu werden. Zusätzlich erschwerten dies die Kleidungsvorschriften, denn im 19. Jahrhundert galt es als unschicklich, Knöchel oder gar Bein zu zeigen. Skandalös war, als Radpionierinnen begannen, Hosen zu tragen, da verständlicherweise lange Kleider oder Röcke mit Lauf- oder Hochrädern nicht kompatibel waren. Auch Erzherzogin Maria Teresa (1855–1944)trug – vermutlich wegen gesellschaftlicher Zwänge – keine Beinkleider für Männer, wie auf nachfolgender Fotografie (Link zu ONB Digital) zu sehen ist.

Schwarz-weißes Foto von Person mit langem Rock auf einem Fahrrad, Bluse und Hut.
Abb. 2: Auch hochadelige Damen musste sich mit einem langen Rock auf dem Rad abmühen.

Doch ein Inserat in "Anleitung zur Behandlung des Fahrrades und dessen praktische Verwendung" (Scannummer 93, Link zum Objekt im Katalog) zeigt, dass bereits 1897 in Graz Sportbekleidungs-Artikel für Herren und explizit auch für Damen angeboten wurden.

Alte Werbeanzeige nur mit Text, die u.a. für Sweater (Schwitzer) und Tricots wirbt.
Abb. 3: Ernst Daser verkaufte, was das Radfahrerherz begehrte – „Nahtlose Unterbeinkleider“ & Co.

Step 2: Recherche nach Bildmaterial in ÖNB Digital

Recherchieren wir in ÖNB Digital mit den Suchbegriffen fahrrad frau nach Abbildungen, erhalten wir neben vielen Alltagsfotos auch sehr dekorative Plakate von Herstellern. Die Anzahl der Treffer steigt auf über 1200, sobald man nur mit dem Wort fahrrad* recherchiert. Das Sternchen ist ein wertvolles Zeichen in diesem Zusammenhang, ersetzt es doch potenziell nachfolgende Buchstaben. Somit ist gewährleistet, dass auch Objekte wie Fahrradbereifung, Fahrradverkehr, Fahrrad-Zeitung usw. gefunden werden. In ÖNB Digital gibt es links neben der Ergebnisliste diverse Filtermöglichkeiten. Wir haben unter „Medientyp“ „Ephemera“ (das sind Papierobjekte, die für einen einmaligen bzw. kurzen Gebrauch bestimmt sind, wie zum Beispiel Plakate, Poster, Flugblätter, Briefe usw.) folgende zwei Fundstücke entdeckt: eines der Firma Dürkopp, eines von Styria.

Altmodisches Werbeplakat mit Person in elegantem Rock und Hut auf Fahrrad.
Abb. 5: Mit diesem ansprechenden Plakat bewirbt die Grazer Firma Styria 1935 ihre Produkte.

Step 3: Recherche nach historischen Zeitungsartikeln in ANNO

Sie kennen vermutlich unser Portal ANNO schon, in dem historische Zeitungen online zur Verfügung gestellt werden. Doch Obacht – man kann es nicht oft genug erwähnen: Darüber hinaus gibt es noch viel mehr Periodika an der Österreichischen Nationalbibliothek. Diesen Gesamtbestand finden Sie im Katalog QuickSearch.

Aber nun zurück zu ANNO, wo verschiedene Recherchemöglichkeiten geboten werden. Zunächst nützen wir den „Thematischen Einstieg“ zum Thema „Sport“ und finden sehr rasch bedeutende historische Radsportzeitungen und -zeitschriften wie beispielsweise: Velocipedista, Club-Organ des Oesterreichischen Touring-Club und Radfahr-Sport. Allein das Durchblättern begeistert.

Mit der Volltextsuche können wir komfortabel die Recherche mit einschlägigen Suchbegriffen starten. Gehen wir einmal davon aus, dass wir nach einem tragischen Vorfall suchen, der sich in der Familie Ende des 19. Jahrhunderts mit einem Fahrrad ereignet haben soll. In diesem Fall könnten wir mit „selbstmord rad”~20 und der Einschränkung der fast 370 Ergebnisse auf den „Titel“ „Draisena“ zu einem Artikel über ein junges Mädchen gelangen, das sich aus Verzweiflung das Leben nahm, weil es sich kein Rad kaufen durfte.

Eine drastische Maßnahme, die auch zeigt, wie verbreitet das Unverständnis jener Zeit für die Frau am Drahtesel war. "Draisena: Erstes und ältestes Sportblatt der radfahrenden Damen" wurde bereits 1895 gegründet – ebenfalls ein Ausdruck der Emanzipation.

Alter Zeitungsartikel mit Person auf Fahrrad, oben im Tex sind zwei Worte rot markiert: "Selbstmord" und "Rad".
Abb. 6: Wie weit kann die Leidenschaft zum Rad gehen? Bis zum Selbstmord?

Schwenken wir nun aber zu einer positiven Berichterstattung über das gemeinschaftliche Raderlebnis fernab vom Auto-Trubel: zu jener von der Eröffnung des ersten Wiener Radweges im Jahre 1899 in "Das interessante Blatt" vom 29. Juni 1899. Er verlief von Floridsdorf (heute in Wien) nach Bockfließ, Niederösterreich, und lockte viele Begeisterte beider Geschlechter an.

Große Gruppe in altmodischer Kleidung posiert teilweise mit Fahrrädern. Schwarz-weißes Foto.
Abb. 7: Fesch herausgeputzt wollten Neugierige bei der Befahrung des ersten Wiener Radweges dabei sein.

Der Historiker Anton Tantner hat über dieses Ereignis ausführlich recherchiert und publiziert: Eine Kurzfassung dessen lässt sich für die rasche Befriedigung der Neugierde in „Erste österreichische Boulevardzeitung Augustin” online im Internet unter dem Titel "Ein Radweg 'für alle Classen'" finden, ein ausführlicher und reichlich illustrierter Beitrag ist in "Wiener Geschichtsblätter", 74.2019/4, S. 421–427 nachzulesen.

Step 4: Das Beste zum Schluss: Zu Besuch bei Ariadne

Wenn es um das Thema Frauen geht, dann kommt man bei der Recherche nicht an Ariadne, dem frauen- und genderspezifischem Wissensportal der Österreichischen Nationalbibliothek vorbei. Die Kolleginnen sammeln und dokumentieren themenspezifische Literatur, haben das Webportal "Frauen in Bewegung 1848–1938" ins Leben gerufen und erst kürzlich eine Online-Ausstellung mit dem Titel "Die Blattmacherinnen – als Frauen in Redaktionen das Wort ergriffen" publiziert. Warum weisen wir in diesem aktuellen Blogbeitrag explizit darauf hin? Weil es in dieser interessanten Schau zu Journalistinnen um 1900 in einem Kapitel mit dem Titel „Schreiben ohne Korsett” u.a. um Fahrradbekleidung geht. Die spätere Chefredakteurin Fanny Burckhard tritt hier für das Recht der Frau in Bezug auf eine passende Mode ein, genauso wie es die große österreichische Feministin Rosa Mayreder (Link zu "Frauen in Bewegung" tat. Lesen Sie selbst in der Online-Ausstellung: "Aufregung um Beinkleider".

Screenshot von Website mit Zeichnung von zwei Personen in prächtigen Kleidern und Hüten, dahinter steht "Wiener Mode".
Abb. 8: Auszug aus der Ariadne-Online-Ausstellung „Die Blattmacherinnen” der Österreichischen Nationalbibliothek.

Das Radrennenfahren von Damen wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch als Provokation angesehen, beziehungsweise war nur als Mann verkleidet möglich. Dies lag wohl auch daran, dass man der Frau Aufgaben im Haushalt und nicht das Erringen von Medaillen auf einem Sportgerät zugedacht hatte. Wie unfassbar beleidigend die Presse über Damen-Radrennen berichtete zeigt ein Auszug aus dem "Fremden-Blatt" vom 25. September 1899:

Alter Zeitungsausschnitt, das Wort "Radrennen" ist rot markiert.
Abb. 9: Unfälle passieren leider...

Dies hat sich zum Glück – langsam, aber doch – geändert. Heutzutage ist diese Sportart fest in Frauenhand, sei es hobbymäßig betrieben oder auch als Profiradlerinnen sind sie anerkannt. Ob jedoch die Work-Bike-Balance von Frauen heute schon vergleichbar ist mit jener von Männern? Da ist bestimmt ist noch Luft nach oben. Frau kann nie genug Rad haben!

Schwarz-weißes Foto von drei Personen in Radtrikots mit Medaillen und Blumen.
Abb. 10: So sehen Siegerinnen aus!

Dieses Foto, aufgenommen bei der Siegerehrung der Bahn-Radweltmeisterschaften 1987 in Wien, zeigt wie Rebecca Twigg-Whitehead (USA) als neue Weltmeisterin in der Disziplin Frauen-Einzelverfolgung geehrt wird. Silber geht an Jeannie Longo (Frankreich, li) und Bronze an Mindee Mayfield (ebenfalls USA, re).

Wir hoffen, dass wir Ihnen mit diesem Blogbeitrag interessante Recherchestrategien zum Thema Radfahren aufgezeigt haben. Diese können – mit anderen Suchbegriffen – auch für andere Recherchen genützt werden.

Können wir Ihnen bei Recherchen helfen? Kontaktieren Sie unsere Bibliotheksexpert*innen:
Abt. Kundenservices, Leserberatung und Schulungsmanagement
Josefsplatz 1
1015 Wien
Persönlich: Mo.– Fr. 9.00 – 21.00 Uhr
Tel.: +43 1 534 10-444
information[at]onb.ac.at
Live-Chat: Mo. – Fr. 9.00 – 21.00 Uhr
Workshops und Seminare zur Verbesserung Ihrer Recherchekompetenz

Zur Autorin: Elisabeth Briefer ist Mitarbeiterin der Abteilungen Informationsservices bzw. Kundenservices, Leserberatung und Schulungsmanagement und Vortragende im Center für Informations- und Medienkompetenz der Österreichischen Nationalbibliothek.

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