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Neue Texte aus dem frühen arabischen Reich
Autor: Bernhard Palme
Die römische Herrschaft hat Ägypten eine etwa 700 Jahre lange Periode des Friedens und der Prosperität beschert. Abseits der stürmischen Ereignisse an den Flussgrenzen entlang des Rheins, der Donau und des Euphrats blieb die Provinz Aegyptus auch in der Spätantike von Invasionen und kriegerischen Ereignissen verschont. Lediglich in den Jahren 297–298 n. Chr. erschütterte eine Revolte das Land und veranlasste Kaiser Diokletian, persönlich nach Ägypten zu ziehen, um den Aufstand niederzuschlagen und die Verwaltung zu reorganisieren. Das Land am Nil, in dem sich das Christentum im Laufe des 4. Jh. n. Chr. ausbreitete, blieb weiterhin eine der sichersten und reichsten Provinzen des Imperium Romanum.
Dies änderte sich erst am Beginn des 7. Jh. n. Chr., als Ägypten zunächst der Schauplatz erbitterter Kämpfe zwischen den Anhängern des regierenden Kaisers Phocas und jenen des Usurpators Heraclius wurde. Zwischen 608 und 610 n. Chr. wogten die Kampfhandlungen insbesondere in Unterägypten hin und her, bis die Truppen des Heraclius sich durchsetzten und dieser schließlich Phocas stürzte. Doch wenige Jahre danach überrannte eine Armee des Sasanidenkönigs Chosrau II. alle Orientprovinzen des oströmischen Reiches und besetzte zwischen 618 und 629 n. Chr. auch Ägypten. Es gelang Heraclius zwar, die Sasaniden wieder vom römischen Gebiet zu vertreiben und in Ägypten die kaiserliche Herrschaft wiederherzustellen; aber schon 639 n. Chr. betrat eine arabisch-muslimische Armee unter ‘Amr ibn al-‘Âs bei Pelusium ägyptisches Territorium und eroberte bis 641 n. Chr. das Land. Mit einem Abkommen vom September 641 n. Chr. wechselte die Herrschaft vom Kaiser zum Kalifen Umar ibn al-Chattab, und 642 n. Chr. fiel schließlich auch Alexandria an die Araber. Ein Versuch des Kaisers Constans II., 654 n. Chr. mittels einer Flottenexpedition Alexandria und Ägypten zurückzuerobern, scheiterte; das Land blieb in der Hand des Kalifen und ein arabischer Statthalter etablierte in Fustat (heute ein Stadtteil Kairos) seinen Amtssitz.
Der rasante Aufstieg der Araber und des Kalifats zur führenden Macht im 7.–8. Jh. n. Chr. ist ein Ereignis der Weltgeschichte, das die geopolitischen Konstellationen im Nahen Osten und im Mittelmeer nachhaltig veränderte. Ägypten kam in dieser Entwicklung eine Schlüsselrolle zu. Rasch avancierte das Land zu einer Kernregion des Kalifats und fungierte geradezu als Drehscheibe zwischen Arabien und dem Nahen Osten, den Ländern des Maghreb und den Verbindungen ins Innere Afrikas. Die turbulenten Ereignisse der arabischen Eroberung sind Thema mehrerer detaillierter historischer Darstellungen: der koptische Bischof Johannes von Nikiou (2. Hälfte 7. Jh. n. Chr.) behandelte die Eroberung in seiner Chronik, die zwar recht bald nach den Ereignissen entstanden war, aber nur in einer äthiopischen Übersetzung mit vielerlei Unklarheiten erhalten blieb. Spätere Geschichtswerke, wie das des persischen Gelehrten und Historiographen At-Tabarî (839–923 n. Chr.), sind hingegen Generationen nach den geschilderten Ereignissen entstanden, und auch mehrere arabische Darstellungen, die in kunstvollen literarischen Narrativen über diese Ereignisse berichten, wurden erst Jahrhunderte danach verfasst und projizieren womöglich spätere Verhältnisse auf die Zeit der Expansion.
Angesichts dieser Quellenlage kommt den zeitgenössischen Texten auf Papyrus, Pergament und Papier höchste Bedeutung zu – vor allem, weil es unbefangene Schriftstücke des täglichen Lebens sind, wie Briefe oder Vertragsurkunden. Diese Dokumente sind nicht mit der Absicht verfasst worden, der Nachwelt historische Ereignisse zu überliefern oder die Erinnerung an Taten berühmter Männer zu bewahren. Vielmehr sind sie ausschließlich für ihren momentanen Zweck im Alltag niedergeschrieben worden, repräsentieren also keine intentionale Geschichtsschreibung. Jedes einzelne Schriftstück liegt als Original vor uns, so, wie es sein Verfasser – in manchen Fällen auch Verfasserin – niedergeschrieben hat. Diese Nachrichten sind daher angetan, den Erzählungen der Geschichtswerke gegenübergestellt zu werden. Dabei können sie diese Darstellungen entweder präzisieren und illustrieren, oder aber auch korrigieren.
Über die Bedeutung dieser dokumentarischen Evidenz sind sich die Historiker*innen zwar einig, aber dennoch ist die Aufarbeitung der kursiv geschriebenen, bisweilen in Umgangssprache oder in administrativem Fachjargon verfassten Papyrustexte bislang nur in Ansätzen erfolgt. Obwohl umfangreiche, in die Zehntausende zählende Schriftstücke erhalten sind, haben die Papyrolog*innen bisher kaum 2.000 arabische Texte aus allen Sammlungen der Welt publiziert. Das liegt zum einen an der Schwierigkeit der oftmals fragmentarischen Texte, zum anderen an der geringen Zahl von Spezialist*innen, die in der Lage sind, diese frühen arabischen Schriften – noch ohne diakritische Zeichen geschrieben – zu entziffern und in den historischen Kontext einzuordnen.
Hier setzte das Forschungsvorhaben "Papyri of the Early Arab Empire Online“ an, denn die Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) beherbergt die weltweit größte Sammlung solcher frühen arabischen Schriftstücke: über 80.000 Objekte, die im trockenen Sand Ägyptens erhalten geblieben waren, werden seit dem Ende des 19. Jh. in der Papyrussammlung aufbewahrt und konservatorisch betreut. Bislang waren kaum tausend dieser Papyrusurkunden ediert und damit der Wissenschaft zugänglich gemacht worden. Hier wartete ein Schatz an historischen Quellen ersten Ranges darauf, gehoben zu werden. Deshalb hat das Forschungsvorhaben sich zum Ziel gesetzt, 15.000 unpublizierte Texte der Papyrussammlung zu digitalisieren und mit wichtigen Informationen über das früharabische Reich im Online-Katalog der ÖNB zugänglich zu machen. Das Digitalisierungs-, Erschließungs- und Editionsprojekt wird seit 2013 großzügig von der US-amerikanischen Andrew W. Mellon Foundation mit Sitz in New York gefördert. Mit diesen Mitteln konnten drei zusätzliche Mitarbeiter*innen finanziert werden, die sich der großen und schwierigen Aufgabe widmeten: Aus der Fülle des unpublizierten Materials mussten interessante Texte identifiziert werden. Die ausgewählten Schriftstücke wurden als digitale Abbildungen mit Erklärungen zu Inhalt, Datierung und Herkunft des Objektes auf der Homepage frei zugänglich gemacht (open access). Ende des Jahres 2025 gelangt das Projekt planmäßig zu seinem Abschluss. Damit ist der interessierten Öffentlichkeit und der internationalen Gelehrtenwelt ein riesiger Fundus an neuen, für eine Vielzahl an Fragestellungen und Aspekten wichtigen Schriftstücken eröffnet.
Im Focus stehen Texte aus dem 7.–10. Jh. n. Chr., die den Übergang vom christlich-byzantinischen zum islamisch-arabischen Ägypten zeigen. Sie liefern wertvolle Nachrichten über Verwaltung und Herrschaft, Wirtschafts- und Rechtsleben sowie über private, religiöse und soziale Lebensverhältnisse. Diese originalen Schriftstücke treten ergänzend, bisweilen auch korrigierend zu den historiographischen Nachrichten hinzu. In Arabisch, Griechisch und Koptisch verfasst, führen sie zudem die multilinguale Kultur des spätantiken und frühmittelalterlichen Ägypten eindrucksvoll vor Augen. Im Zentrum der Bemühungen standen die Texte in arabischer Sprache, die im Vergleich zu den griechischen und koptischen Papyri bislang in deutlich geringerer Zahl studiert und publiziert sind. Zudem hatten bereits erste Sichtungen gezeigt, dass unter den Arabica eine Vielzahl von bedeutenden Urkunden zu finden sind, wie beispielsweise Schreiben von den frühesten arabischen Statthaltern Ägyptens. So ließen sich etwa Schriftstücke aus der Kanzlei des Qurra ibn-Sharik identifizieren, der um 700 n. Chr. Ägypten im Auftrage des Kalifen verwaltete und aus den historiographischen Quellen als strenger, aber gerechter Statthalter bekannt ist (Abb. 1).
Die Aufgabe, in der riesigen Menge an unpublizierten Schriftstücken die frühen, inhaltlich bemerkenswerten und möglichst gut erhaltenen zu identifizieren, war kein leichtes Unterfangen, das von einem höchst kompetenten Team an Spezialist*innen für arabische, griechische und koptische Papyri bewältigt wurde. Im Zuge des Projektes wurde der umfangreiche Bestand an Texten in diesen Sprachen gesichtet, die vielversprechendsten Dokumente ausgesucht und beschrieben. Schon die Feststellung der wichtigsten Informationen zu jedem einzelnen Text – die dann in der Form von Metadaten im Online-Katalog erscheinen – bedarf großer paläographisch-philologischer Erfahrung und papyrologischer Expertise im Umgang mit den Inhalten und Genres dieser alten Texte. Um auch nur die stichwortartigen Eckdaten festzustellen, muss jeder Text zumindest ansatzweise entziffert und in seinem historischen Kontext verortet werden. Nur ein*eine erfahrene*erfahrener Papyrologe*Papyrologin kann mit vertretbarem Zeitaufwand feststellen: Diese Urkunde stammt (um ein Beispiel zu nennen) aus der mittelägyptischen Stadt Hermupolis (al-Ashmunein), ist um 670 n. Chr. zu datieren, enthält einen Pachtvertrag über Saatland und erwähnt als Verpächter einen lokalen Amtsträger, den man bereits aus einigen anderen Papyri kennt. Oder: Brief an den Schreiber Petosiris in Steuerangelegenheiten, 7.–8. Jh. n. Chr. (Abb. 2).
Mit der Auswahl und Beschreibung eines unpublizierten Textes ist freilich nur der erste Schritt getan. Es folgt die konservatorische Behandlung des Schriftstückes, das erst gereinigt, entfaltet, womöglich aus mehreren Fragmenten zusammengesetzt und stabilisiert werden muss. So aufbereitet, kann das Objekt digitalisiert werden. Die Vorbereitung der fragilen Fragmente für die Digitalisierung der Vorder- und Rückseite bedarf großer Sorgfalt, und da die Objekte in ihrer Größe stark variieren, muss jeder Scanvorgang individuell adjustiert werden. Die gescannten Objekte werden schließlich mit einem Barcode gekennzeichnet und in der Regel zwischen zwei Glasplatten – die ihre Handhabung beim Studium erleichtern – aufbewahrt. Die Digitalisate sind in die Online-Datenbank einzubringen, die Metadaten einzutragen, allfällige Links anzubringen. All diese Arbeitsschritte sind zu erledigen, bevor ein Datensatz nach neuerlicher Überprüfung online gehen kann.
So verfolgt das Projekt einerseits eine konkrete historische Frage- und Aufgabenstellung, stellt aber andererseits zugleich einen wesentlichen Schritt zur Erschließung einer großen und bedeutenden Gruppe von Sammlungsobjekten dar. Die Hoffnung, dass mit tausenden neuen, online und in open access zugänglichen digitalen Bildern von Texten aus einer Epoche des historischen Umbruches nicht nur zusätzliches Quellenmaterial dargeboten, sondern auch die papyrologische Forschung in dem voraussetzungsreichen Feld der arabischen Papyrologie einen Anreiz und Anstoß erhält, ist schon während der Laufzeit des Projektes in Erfüllung gegangen. Eine wachsende Zahl von Anfragen bezüglich einer Publikationserlaubnis, die Resonanz in der Fachwelt und nicht zuletzt die ersten bereits erschienenen Editionen zeigen, dass die Aufbereitung dieses Quellenmaterials seine Wirkung nicht verfehlt hat.
Selbstverständlich bearbeiten und publizieren auch Mitarbeiter*innen der Papyrussammlung und des Projekts selbst zahlreiche der von ihnen ausgesuchten Urkunden. Die penible wissenschaftliche Bearbeitung und Auswertung des wichtigen Quellenmaterials hat begonnen, wird angesichts der Fülle an Material aber noch viele Jahre in Anspruch nehmen.
Wie bei den papyrologischen Quellen generell, so kommen auch in den Texten der früharabischen Epoche Ägyptens vor allem die einfachen Menschen und ihre Alltagsgeschäfte zu Wort, gelegentlich auch die mittleren Amtsträger der lokalen Verwaltung und sogar einige hohe Vertreter der Reichsverwaltung. Hingegen werden historische Ereignisse, wie bei den Papyri üblich, kaum direkt angesprochen. Indirekt allerdings haben diese Schriftstücke eine Fülle von Informationen, die neben Angelegenheiten des täglichen Lebens auch historische Situationen und Veränderungen betreffen. Gelegentlich konfrontiert uns eine einzelne Urkunde mit erstaunlichen, neuen und aussagekräftigen Informationen. Viele andere Texte scheinen hingegen auf den ersten Blick unspektakulär; Abrechnungen über Steuerleistungen, private Kommunikationen (Abb. 3), alltägliche Rechtsgeschäfte.
Ihren historischen Aussagewert erlangen viele dieser Texte – von den Historiker*innen als ‘serielle Quellen’ klassifiziert – jedoch durch ihre große Zahl und im Vergleich untereinander. Aus einer langen Serie von Steuerquittungen über Jahrzehnte hin lässt sich die Entwicklung einzelner Steuerforderungen, die Höhe der Abgaben und letztlich die Steuerpolitik rekonstruieren (Abb. 4).
Veränderungen bei den Titeln der Amtsträger signalisieren Reorganisationen von staatlichen Strukturen.
So entsteht in der Zusammenschau der wachsenden Zahl von Dokumenten ein präzises und detailgetreues Bild von der Verwaltung insbesondere auf lokaler Ebene, von dem Steuersystem und seinen Veränderungen am Übergang von der römisch-byzantinischen zur arabischen Zeit, von wirtschaftlichen Entwicklungen wie den Besitz- und Produktionsverhältnissen (Abb. 5) und nicht zuletzt von den langsamen, aber wirkmächtigen Veränderungen im sprachlichen, religiösen und generell kulturellen Bereich.
Anhand hunderter Dokumente lässt sich ersehen, dass auch nach der Eroberung Ägyptens zunächst nur eine sehr geringe Zahl arabisch sprechender Menschen ins Land gekommen ist, dass die etablierte lokale Elite zumindest noch für drei, vier Generationen in ihren Ämtern verblieb und ihre Grundbesitzungen behielt, die christlichen Kirchen und Klöster weiterhin florierten und die Ausbreitung des muslimischen Glaubens von der neuen Herrschaft keineswegs forciert wurde, sondern nur ganz allmählich vonstatten ging. Die arabische Eroberung und die Eingliederung Ägyptens in das expandierende arabische Weltreich vollzog sich in Ägypten ohne abrupten Bruch, sondern als langfristige Entwicklung. Dank der neu erschlossenen Papyrustexte können wir diese schrittweisen Veränderungen quasi als Zaungäste der Geschichte verfolgen.
Nach dem Abschluss des Projekts stehen den Papyrolog*innen, den Historiker*innen und Philolog*innen mehr als sieben Mal so viele Papyri in digitalen Abbildungen online zur Verfügung, als in den vergangenen hundert Jahren ediert worden waren. Entsprechend seiner Zielsetzung hat das Projekt ein in Qualität und Quantität enorm wichtiges, neues Quellenmaterial für künftige Editionen aufbereitet. Damit liefert es höchst relevante Informationen für weiter greifende Studien zur frühen arabischen und islamischen Geschichte, zum Fortleben des Christentums in Ägypten, zu vielerlei Aspekten der Geschichte des Nillandes, aber auch der gesamten östlichen Mittelmeerwelt. Da viele dieser Texte in den Generationen unmittelbar nach Mohammed entstanden sind, bieten sie zudem wertvolle Einblicke in diese frühe Phase der arabischen Sprache und Paläographie.
Die großzügige und langfristige Förderung durch die Andrew W. Mellon Foundation hat dieses Projekt ermöglicht, das Erschließungs-, Digitalisierungs- und Forschungsarbeit vereint. Die Reaktionen der Gelehrtenwelt und einer breiten, interessierten Öffentlichkeit auf die neuen, online verfügbaren Schriftstücke geben Anlass zur Hoffnung, dass die auf dem Projekt aufbauenden Arbeiten entscheidend dazu beitragen werden, diesen Quellen den ihnen gebührenden Platz nicht nur in der papyrologischen Forschung, sondern – und vor allem – in der historischen Aufarbeitung dieses folgenreichen Abschnittes der Geschichte einzuräumen.
Projektleitung und Ansprechperson: Univ.-Prof. Dr. Bernhard Palme
bernhard.palme[at]onb.ac.at
Über den Autor: Univ.-Prof. Dr. Bernhard Palme ist Direktor der Papyrussammlung und des Papyrusmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek sowie Professor für Alte Geschichte und Papyrologie an der Universität Wien.