Konvolut aus Notizlisten (zur Textfassung 2)

Manuskript, 25 Blatt, 12.11.2005

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Bei diesem Konvolut aus insgesamt sechs unterscheidbaren, handgeschriebenen Listen mit Notizen handelt es sich um Peter Handkes Sammlung von stichwortartigen Ideen und ausformulierten Sätzen für die Überarbeitung der ersten Textfassung von Spuren der Verirrten zur deutlich erweiterten zweiten Fassung des Stücktextes. Manche der Listen wurden von Handke mit einer Überschrift versehen und so in eine Reihenfolge gebracht, nur bei zwei Listen fehlt diese Zuordnung, so dass sich nicht ganz eindeutig sagen lässt, ob sie tatsächlich in diese Überarbeitungsphase gehören oder nicht und wenn an welche Stelle. Die Notizen der einzelnen Listen sind mit laufenden Nummerierungen versehen, wobei die eingekringelten Nummern das typische Erscheinungsbild ergeben. Da die Einträge meist mit unterschiedlichen Schreibgeräten geschrieben sind, darf man annehmen, dass auch die einzelnen Listen nicht in einem Durchgang entstanden sind.

Liste 1

Die längste beziehungsweise umfangreichste Liste im Konvolut (ÖLA 327/07/W76/2) dürfte enthält vermutlich die erste Notizsammlung. Sie wurde von Handke mit der Überschrift: »SdV [/] Liste f. d. 2. Durchgang« (W76/2, Bl. 1) versehen und auf »12. November 2005« (W76/2, Bl. 1) datiert. Das Datum gibt einen wichtigen Hinweis auf den Entstehungszeitraum der zweiten Textfassung von Spuren der Verirrten, die er demnach erst vier Monate nach Fertigstellung der ersten Fassung am 22. Juli 2005 begonnen haben dürfte. Die erste Liste mit 239 durchnummerierten Notizen umfasst 13 Blatt, die mit einer Paginierung von 1-13 versehen sind. Manche der Einträge sind den zwei einzigen »greifbaren« Figuren – dem Dritten oder dem Zuschauer – zugeordnet. So lautet beispielsweise eine Notiz am ersten Blatt mit der Nummer 16: »16 Z.: "Man sagt von mir, ich sei ein guter Zuschauer, und das sei mehr als ein guter Zuhörer"« (W76/2, Bl. 1). Im Typoskript der zweiten Fassung wurde diese Notiz gleich in der ersten Szene des Stücks, in der ein Ich spricht, eingearbeitet: »Und wieder habe auch ich meinen Platz eingenommen, als Zuschauer. Seit jeher habe ich nichts getan als zusch{xxxx}\auen./ Und inzwischen ist das meine Rolle geworden. Vor lauter Zuschauen bin ich zu nichts anderem gekommen. Es wird mir \aber/ nachgesagt, ich sei ein guter Zuschauer, \besser noch, ein überzeugender/ und der spiele eine Rolle, die \das sei/ mehr sei als die eines guten\r/ Zuhörers. \Wie überzeugend? Man wird vielleicht noch sehen./« (ÖLA 326/07/W70, Bl. 1)

Liste 4

Das Manuskript mit dem Titel »I = 1 1. Liste: 3. 4. Liste 2. Dg. SdV« (ÖLA 326/07/W76/3) zählt vier Blatt, wobei nur das zweite und dritte Blatt von Handke paginiert wurden (Bl. 2 und 3), die anderen beiden, das erste Blatt (Bl. I) und das letzte (Bl. I*) sind mit einer Folierung des Archivs versehen. Die von 1-46 durchnummerieren Notizen sind nur zum Teil durchgestrichen oder abgehakt. Die Rückseite des vierten Blattes (Bl. I*) ist ein Computerausdruck eines Fotos von Handkes Tochter Léocadie.

Liste 5

Diese Liste wurde von Handke als »5. Liste SdV« (W 76/4) bezeichnet. Nach den ersten acht Notizen folgen Querverweise auf Nummern (bzw. Notizen) aus der »1. Liste« (vermutlich W76/2) und der »4. Liste« (vermutlich W76/3).

Liste 6

Die sechste Liste wurde von Peter Handke selbst mit der Überschrift ist »6. Liste SdV« (W76/5) versehen und daneben auf den 25. November 2005 datiert. Sie enthält von 1-38 durchnummerierte Notizen, die jeweils mit Bleistift durchgestrichen oder abgehakt wurden.

Evtl. Liste 2

Die zwei Blätter mit dem Titel »Durcheinandersätze« (ÖLS 320/07/W76/9) enthalten eine Auflistung von 32 notierten Sätzen oder Stichworten. Ob es sich bei dieser Sammlung um die in der Arbeitschronologie zweite Liste handelt oder nicht, bleibt lässt sich nicht aufklären. Die Liste ist undatiert. Da es sich aber noch vielmehr um eine eigene Sammlung von Sätzen und um keine

Evtl. Liste 3

Bei der drei Blatt umfassenden Liste mit 56 durchnummerierten Notizen (ÖLA 326/07/W76/8) könnte es sich um die zweite oder dritte Liste handeln. Sie ist unpaginiert nd wurde deshalb vom Archiv von 1-3 foliert. Da erste Blatt ist auf Hotelbriefpapier des Hotel Cipriani Venezia geschrieben.

Verwendungsweise

Handkes Verwendung der Notizen bei der Überarbeitung und Neuschrift des Textes lässt sich aus diesem Konvolut nicht erschließen. Er dürfte sich zuerst eine lange Liste mit Notizen (Liste 1) angefertigt haben. Manche dieser Notate könnte  er dafür aus seinen Notizbüchern exzerpiert haben – das wäre zumindest ein nicht unübliches Arbeitsverfahren Handkes. Eine Überprüfung dieser Annahme ist zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht möglich, da die Notizbücher der Forschung noch nicht zugänglich sind. Die nummerierten Notizen wurden in Folge, vermutlich, um sie in eine der Überarbeitung des Textes gemäßen Ordnung zu bringen und sie einzelnen Szenen zuzuordnen, in immer wieder neue Listen übertragen, wobei diese Listen wiederum weitere, neue Notizen enthalten. Die Einträge wiederholen sich somit – meist nicht wortwörtlich, aber in ähnlicher Weise. Zum Beispiel findet man die Notiz: »45 Bist du das? – Ja. – Aber du hast doch helle Haare, bist doch viel kleiner, trägst doch nie ein Kleid. Ich bin es.« (W76/2, Nr. 45, Bl. 3) ebenfalls auf der vermutlich zweiten oder dritten Liste in der kurzen Form: »22 Bist du es? Bist du es?« (W76/8, Nr. 22, Bl. III) und auf der sechsten Liste »5 Bist du das? – J. – Aber du hattest doch helle Haare, warst viel kleiner, trugst nie ein Kleid – Ich bin es« (W76/5, Nr. 5, Bl. I)

Manche der Notizen findet man in ähnlicher Form wieder auf den Listen mit Textergänzungen zu den Druckfahnen erster Lauf, was darauf hindeuten könnte, dass Handke nicht alle Ideen beim Schreiben der zweiten Textfassung verwendet oder sie zumindest noch weiter ausgestaltet hat. Die Notizen wurden teilweise mit Bleistift abgehakt oder durchgestrichen. Die Häkchen dürften bedeuten, dass die Notiz berücksichtigt wurde, die Durchstreichungen, dass sie verworfen wurde oder in die nächste Liste übertragen wurde.

Nach ihrer Einarbeitung wurden sie von Handke seitlich abgehakt oder durchgestrichen. Manche Notizen wurden erst nach der Fertigstellung der neuen Textfassung von Handke beim Korrigieren handschriftlich eingefügt, zum Beispiel die Notiz 223 auf Blatt 13: »Schwarzer Schnee – eitergelber Tau« (W76/2, Bl. 13), die im Typoskript in den Satz eingeschoben wurden: »Geht in Frieden – es wird euer letzter sein. \Der letzte Schnee, bald wird er fallen. Und bald der letzte Tau. Schwarz der Schnee und eitergelb der Tau./ Geht. Zirkuliert.« (W70, Bl. 21; vgl. SV 40).

Tabellarische Daten

Titel, Datum und Ort

Eingetragene Werktitel (laut Vorlage): 

SdV [W76/2, Bl. 1]; SdV [W76/5, Bl. 1]; SdV [W76/4]; SPUREN der Verirrten [W76/9, Bl. 2]; SdV [W76/3, Bl. I]

Entstehungsdatum (laut Vorlage):  12/11/05 [W76/2, Bl. 1]; 25/11/05 [W76/5, Bl. 1];
Datum normiert:  12.11.2005

Materialart und Besitz

Besitz:  Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek
Art, Umfang, Anzahl: 

Manuskript, 25 Blatt

  • W76/2: Manuskript, 13 Blatt, pag. 1-13; A4; Fineliner (rot, grün, schwarz, blau), Kugelschreiber (blau, rot), Bleistift
  • W76/3: Manuskript, 4 Blatt, fol. I, pag. 2-3, fol I*; auf der Rückseite von Bl. I* ist ein Computerausdruck eines Fotos (Motiv: Léocadie Handke); A4; Fineliner (schwarz, violett, rot), Bleistift
  • W76/4:  Manuskript, 1 Blatt; A4; Fineliner (rot, grün), Kugelschreiber (blau)
  • W76/5: Manuskript, 2 Blatt, pag. 1-2; A4; Fineliner (grün), Bleistift
  • W76/8: Manuskript, 3 Blatt, unpag.; Blatt 1 ist auf Notizpapier aus dem Hotel Cipriani Venezia geschrieben; A4; Kugelschreiber (blau), Bleistift, Fineliner (rot)
  • W76/9: Manuskript, 2 Blatt, unpag., fol. 1-2; A4; Kugelschreiber (blau)
Format:  A4
Schreibstoff:  Fineliner (rot, grün, schwarz, blau, violett), Kugelschreiber (blau, rot), Bleistift