Entstehungskontext

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Fünf Jahre nach seinem Bühnenerfolg mit dem »stummen« Stück Die Stunde da wir nichts voneinander wußten (1992) wurde Peter Handkes nunmehr dreizehnte Bühnenarbeit, Zurüstungen für die Unsterblichkeit, im Februar 1997 am Burgtheater Wien uraufgeführt. Geschrieben wurde das Stück allerdings schon zwei Jahre früher, im Winter 1995. In den nicht ganz zwei Jahren zwischen Entstehung und Uraufführung schrieb Handke drei weitere Texte, darunter auch die vieldiskutierten Essays über seine beiden Serbienreisen von Oktober/November 1995 (Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina) und von Mai/Juni 1996 (Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise), welche die Wahrnehmung seiner Person und seiner Werke in der Öffentlichkeit maßgeblich verändern sollten.

Erwähnung des Stückprojekts (1992)

Da die Notizbücher ab 1990 mit möglichen Aufzeichnungen zur Entstehung und Entwicklung des Schreibprojekts der Öffentlichkeit bislang nicht zugänglich sind, lässt sich über die Datierung der ersten konzeptionellen Stückideen nur mutmaßen. Sie dürften aber bis Anfang der 1990er Jahre zurückreichen, denn im Mai 1992 kam Handke in einem Interview mit der Journalistin Karin Kathrein für die Zeitschrift Bühne bereits auf das Stückprojekt zu sprechen, nicht ohne zu betonen, dass die Realisierung aber noch Jahre brauche. Es ginge ihm darin um seine »Familie, die verschwunden ist«, um die bereits toten Vorfahren, von denen er eine Geschichte erzählen möchte, vor allem »beschäftigen mich noch die Brüder meiner Mutter, die im Krieg gefallen sind. […] Ich seh' da ein Drama, wirklich eine Tragödie dieser Menschen, auch die Tragödie einer Generation und vielleicht eines Volkes. Ich möchte versuchen, von den kleinen Leuten zu erzählen. Aber nicht ein sogenanntes Arme-Leute-Drama, sondern daß das Könige sind und daß die zugrunde gehen wie in einem Königsdrama von Shakespeare.« Es sollte dabei jedoch kein Historiendrama sein, in denen die Gräuel des Zweiten Weltkriegs dargestellt werden, sondern er sähe die Handlung vielmehr »archetypisch«. (Kathrein 1992, S. 14)

Geschichte und Politik

Über Handkes Familiengeschichte einerseits und über die verschiedenen Anspielungen auf Slowenien – unter anderem auf die Unabhängigkeitserklärung Sloweniens und den damit zusammenhängenden Zerfall Jugoslawiens (ZU 74) – steht das Stück im Kontext sowohl des Zweiten Weltkriegs als auch des Jugoslawienkriegs. Durch diese zwar nur angedeutete Hinwendung zu Historie und Politik zeigt Handkes Stück Zurüstungen für die Unsterblichkeit wieder eine Weiterentwicklung seines Theaters, die ihn zwei Jahre später konsequenterweise zum tatsächlich politischen Stück Die Fahrt im Einbaum führen wird. In den Zurüstungen geht es darum, eine neue Form des friedlichen, anteilnehmenden, sich Raum lassenden Zusammenlebens zu finden, oder, wie Handkes Verleger Siegfried Unseld es für sich beschrieb: »Das Stück ist ein Menschheitsdrama, der Versuch, zu einer neuen, gewaltlosen Gesellschaft zu kommen.« (Handke / Unseld S. 668)

Gesetz für eine neue Gemeinschaft

Die Verfassung dieser neuen friedlichen Gesellschaft wird nicht nur von der Politik vorgegeben – im Stück dargestellt von Pablo, der vom Volk zum neuen, die Gemeinschaft rettenden König gewählt wurde –, sondern von der Kunst, verkörpert durch die junge Wandererzählerin. Pablo verlautbart: »Hier der erste Satz der neuen Verfassung, oder unseres alten Mitternachtsblues: Seid eingedenk, daß ihr einst in der Knechtschaft wart – bedenkt vor jedem Fremden die eigene Fremde mit!«, und die Erzählerin setzt als »Fußnote dazu«: »Stellt euch, was ihr tut oder laßt, als Erzählung vor. Ist es möglich? Ja. Also ist es recht. Ist es unmöglich? Also ist es Unrecht.« (ZU 123) Sie betont am Ende in prophetisch-biblischem Ton: »Das neue Gesetz ist unausweichlich. Es wird kommen, umgreifend, ausschließlich, fundamental. Eine andere Zeit wird kommen. Eine andere Zeit muß kommen. Freut euch. Fürchtet euch.« (ZU 134)

Erwähnung des Stücktitels (1993)

Nach dem Interview mit Karin Kathrein verliert sich die Spur der Stückentstehung wieder. Einen weiteren Hinweis, gleichsam eine Ankündigung seines Schreibvorhabens, gab Handke in seinem 1993 geschriebenen Epos Mein Jahr in der Niemandsbucht, wobei er sogar schon den Titel erwähnte. Der letzte Satz des am 29. Juni 1993 verfassten Abschnitts lautet: »Im folgenden Jahr blieb ich in meinem Geburtsort Rinkolach in der Jaunfeldebene, untergekommen wie als Kind im Keuschlerhaus der Eltern, inzwischen rückerworben von meinem erfolgreichen Bruder, meinem Fast-Zwilling, dem stillen König unserer Familie, und dem Verlierer noch und noch (von ihm werde ich zu gegebener Zeit vielleicht mein erstes Drama schreiben, mit dem Titel "Zurüstungen für die Unsterblichkeit", eine Tragödie?)« (ÖLA 326/W7, Bl. 244; vgl. MJN 405f.)

Notizen zur Stückkonzeption (1994)

Nach Beendigung von Mein Jahr in der Niemandsbucht im Dezember 1993 dürfte sich Handke sukzessive seinem neuen Theaterprojekt zugewandt haben. Die Notizbücher ab 1994 müssten demnach textgenetisch zu den Hauptquellen des Stücks zählen. Auszüge seiner zwischen August und November 1994 entstandenen Notizen, die ein halbes Jahr vor Schreibbeginn eine intensive Beschäftigung mit der Stückkonzeption bezeugen, wurden später im Programmheft der Uraufführung von Zurüstungen für die Unsterblichkeit abgedruckt. Sie können als Bestätigung seines üblichen Arbeitsverfahrens interpretiert werden, demzufolge sich Handke einige Monate, bevor er an einem neuen Werk zu schreiben beginnt, in seinen Notizbuchaufzeichnungen auf das jeweilige Schreibprojekt fokussiert, Notizen zu einzelnen Motiven, Figuren oder zur Konstruktion bzw. Form sammelt, meist verbunden mit einer für das jeweilige Projekt relevanten Lektüre.

Lektüre

Der Notizenauszug zeigt beispielsweise Handkes Studium des Alten Testaments, das er über Monate hindurch gelesen haben dürfte – auch noch während der Arbeit an der ersten Textfassung. Am 20. Februar 1995 erwähnte er in einem Brief an Alfred Kolleritsch die Lektüre der Psalmen, die im Stück immer wieder vorkommen: »heute war wieder einmal von dem Gerechten die Rede, und seinem unerschütterlichen Herzen: So eines hätte ich gern. Aber als grenzkranker Kärntner, Flüchtling, Staatenloser, Vorortler…« (Handke / Kolleritsch, S. 217) Welche weiteren Lektüren die Vorarbeiten an dem Stück begleitet haben, lässt sich ohne Einblick in die Notizbücher nicht sagen, man findet zwar im Stück Anspielungen auf Ferdinand Raimund (ZU 47), auf William Shakespeare (ZU 24) oder auf das Gilgamesch-Epos (ZU Motto), aber diese könnten auch auf längst vergangene Lektüren zurückgehen. In einem Brief an Siegfried Unseld erwähnte er das Buch »"Krieg im Sertão" des Euclides da Cunha [...] und wie notwendig und erhellend [er] das Lesen dieses seltsamen Epos, oder der Geschichtsschreibung, oder der Erdformenerzählung erleb[t]« habe (Handke / Unseld S. 651). Auch diese Lektüre könnte für die Entstehung der Zurüstungen relevant gewesen sein.

Erste Textfassung (Jänner bis März 1995)

Die erste Textfassung von Zurüstungen für die Unsterblichkeit, ein 124 Blatt zählendes Typoskript, entstand den darin vermerkten Datumseinträgen zufolge zwischen 11. Jänner und 12. März 1995, wobei Handke die Arbeit Ende Februar für fünf Tage und Anfang März für acht Tage unterbrochen hat. Hinweise auf den Entstehungsort des Stücks findet man im Typoskript allerdings keine. Einmal schrieb er am rechten Blattrand nur das Wort »Haus«, was auf sein Haus in Chaville hindeuten könnte. Erst in der zweiten Textfassung (2a) listete Handke handschriftlich die Reihe der Entstehungsorte von der ersten bis zur zweiten Textfassung chronologisch auf. Dort findet man allerdings als ersten Entstehungsort nicht Chaville angegeben, sondern erstaunlicherweise den Nachbarort »Viroflay« (ÖLA 326/W54, Bl. I*), wo seine Tochter Léocadie in den Kindergarten ging (Handke / Lenz 2006, S. 278) und wo er mit seiner Frau im Herbst 1996 ein zweites Haus kaufte (Handke / Lenz 2006, S. 283). Warum und wo Handke dort den Text getippt haben könnte (es war Winter), ist unklar.

Treffen mit Unseld (Mai 1995)

Am 13. Mai 1995, also zwei Monate nach Beendigung der ersten Textfassung, erhielt Handke Besuch von seinem Verleger Siegfried Unseld, der in seinem Reisebericht die Fertigstellung des Stücks und die weiteren Arbeitspläne seines Autors festhielt: »Er geht jetzt 14 Tage nach Spanien, um die letzten Korrekturen anzubringen, dann wird er uns das Stück schicken. Er wird dann selber den Kontakt mit Claus Peymann aufnehmen, wir aber sollten den Vertrag machen, jedoch derart, daß das Zusatzhonorar an ihn direkt geht ohne irgendwelche Verlagsabzüge.« (Handke / Unseld 2012, S. 651) Drei Tage nach dem Treffen, am 16. Mai 1995, bedankte sich Handke bei Unseld in einen Brief für die gemeinsame Zeit und kündigte an, dass er nun »[i]n ein paar Tagen […] in die spanische Richtung« ziehe, »um den 3. Juli [könne er] das Stück haben« (Handke / Unseld 2012, S. 651).

Korrektur der ersten Textfassung (Mai 1995)

Wann genau Handke zur Spanienreise aufbrach und wohin die Reise führte, kann ohne Einblick in die Notizbücher wiederum nicht gesagt werden. Die Überarbeitung nahm Handke jedenfalls nicht am Originaltyposkript vor, sondern an einer Kopie der ersten Textfassung (1b), wobei er die einzelnen Korrekturabschnitte mit Datums- und Ortsangaben versah. Diesen Angaben zufolge hat Handke das Stück an fünf Tagen seiner Reise, zwischen 22. und 27. Mai 1995, im »Parque del Principe« von »Cáceres« (Bl. 16), »auf dem Weg von Cáceres zum Sanctu\a/rio de la Montaña)« (Bl. 39), »in Trujillo« (Bl. 62), am »Friedhof Trujillo« (Bl. 76), »in Oropesa, auf der Olivenbaumweide« (Bl. 101) und schließlich in »Talavera [de la Reina]« (Bl. 121) durchgearbeitet und dabei stark korrigiert. Die Angabe der Entstehungsorte am Ende der zweiten Textfassung (2a) erweitert diese Reihe um die »Sierra de Gredos« (ÖLA 326/W54, Bl. I*); vielleicht machte sich Handke dort zusätzliche Notizen, der Ort ist jedenfalls in der Textfassung 1b nicht verzeichnet. Am 30. Mai 1995 vermutete Unseld Handke wieder in Chaville und schrieb ihm: »Du wirst in diesen Tagen aus Spanien wieder zurücksein. Ich freue mich, daß ich nun bald Dein neues Stück lesen darf.« Nebenbei weist er Handke darauf hin, dass ihm der Titel des Stücks schon in der Niemandsbucht begegnet sei (Handke / Unseld 2012, S. 652).

Zweite Textfassung  (Juli 1995)

Unseld erhielt das Stück aber noch nicht wie angekündigt Anfang Juli, denn Handke begann erst ein Monat nach seiner Rückkehr aus Spanien mit der Arbeit an der zweiten Textfassung (2a), einer zweizeilig getippten Reinschrift mit einem Umfang von 119 Blatt. Sie enthält kaum mehr Korrekturen. Sie wurde von Handke nicht mehr datiert, die Entstehungszeit lässt sich aber aufgrund eines in der Zeitschrift Parnass erschienenen Reiseberichts des Literaturwissenschaftlers Adolf Haslinger, der Handke am 30. Juni 1995 für zwei Tage in Chaville besuchte, genau bestimmen. Am Tag seiner Ankunft notierte Haslinger: »Der Tag ist kein gewöhnlicher; Handke erzählt, daß er seit heute mittag allein im Hause sei und ab morgen zu schreiben beginne. […] Zu dem Theaterstück, das er ab morgen in die endgültige Form bringen möchte, existiert bereits eine korrigierte Vorfassung. Er möchte am Vormittag schreiben.« (Haslinger 1995, S. 105) Am folgenden Tag, dem 1. Juli 1995, zeigte ihm Handke bereits »stolz die ersten dreizehn getippten Seiten. […] Er hofft das Stück in der Ungestörtheit der nächsten zwei Wochen zu vollenden. Seine Frau Sophie ist mit der Tochter Léocadie und ihrem Sohn in die Ferien vorausgefahren.« (Haslinger 1995, S. 106)

Eine Kopie der fertigen zweiten Textfassung (2b) sandte Handke am 5. August 1995 an Unseld mit den Worten: »Da ist das Stück. Bitte, gib es niemandem weiter – ehe wir uns nicht zusammengetan haben, in Salzburg? Oder wo? Ich bin vom 6.-11. August im Hotel St. Rupert (Salzburg), und dann wieder dort vom 20.-22. (früh). Ab 22. wieder hier in Chaville.« (Handke / Unseld 2012, S. 653) Unseld, der gerade von seiner Fastenkur in Überlingen zurückgekommen war, antwortete drei Tage später, am 8. August 1995: »ich bin wieder im Verlag zurück. Bis heute, Dienstag, ist das Stück noch nicht eingetroffen, ich erwarte es aber täglich. Ich melde mich sogleich.« (Handke / Unseld 2012, S. 653)

Treffen mit Unseld (August 1995)

Handke flog den Angaben im Brief zufolge am 6. August nach Salzburg (vielleicht um Claus Peymann zu treffen) und reiste anschließend vermutlich zu seiner Familie. Seinem Freund Hermann Lenz berichtete er in einem Brief vom 5. September 1995 (ohne mit nur einem Wort das Stück zu erwähnen), er »habe den Sommer mit Gehen, Lesen (und Trinken) verbracht, hier in meinem Hintergarten, unter einer Trauerweide, deren tiefste Zweige mich manchmal gekitzelt haben, dann zwei Wochen unter einer Korkeiche auf einer Terrasse hoch überm Meer bei Sainte-Maxime, dann auf einer Berghütte, bei Regen auf 1710 m Höhe, in einem Seitental des Mölltals in Kärnten.« (Handke / Lenz 2006, S. 277) Im Anschluss an die Kärntenreise traf sich Handke am 21. August 1995 mit Unseld im Österreichischen Hof in Salzburg, um das Stück zu besprechen. Das Treffen fasste Unseld in seiner Chronik zusammen: »Handke ist sehr begierig über meinen Eindruck zum neuen Stück. Nach einer halben Stunde ist er glücklich, erleichtert, erzählt mir, daß Peymann "begeistert" sei und natürlich die Aufführung sobald als möglich machen möchte. Das heißt: Herbst 1996.« (Handke / Unseld 2012, S. 654) 

Hochzeitsreise nach Serbien

Ob Handke im September noch einmal verreiste oder ob er in Chaville an dem Stück oder einem neuen Text arbeitete, lässt sich anhand der vorliegenden Quellen nicht erkennen. Am 7. Oktober 1995 heiratete Peter Handke in Chaville seine Lebensgefährtin Sophie Semin. Die Hochzeitsreise führte sie Ende Oktober/Anfang November 1995 nach Serbien. Es ist jene Reise, die Handke kurze Zeit später in seinem Essay Eine winterliche Reise beschrieb. Nach ihrer Rückkehr erhielt Handke am 10. November 1995 in Stuttgart den Schiller-Gedächtnispreis, wo er auch Siegfried Unseld und den damaligen Leiter des Suhrkamp Theaterverlags, Hans-Jürgen Drescher, traf (Handke / Unseld 2012, S. 656).

Dritte Textfassung (November 1995)

Unseld notierte sich nach dem Treffen im August in Salzburg ein von Handke angesprochenes Problem, die Zusammenarbeit mit seinem Lektor Raimund Fellinger betreffend. (Der Konflikt entstand vermutlich bei der Arbeit an Mein Jahr in der Niemandsbucht, siehe Handke / Unseld 2012, S. 621ff.) Handke könne mit ihm nicht mehr arbeiten und bat Unseld um Unterstützung in dieser Sache (Handke / Unseld 2012, S. 654). Das Lektorat übernahm, soweit das in den Materialien zu erkennen ist, Hans-Jürgen Drescher und seine Mitarbeiter. Das war kein außergewöhnlicher Vorgang, denn die Stücke wurden ohnehin zuerst im Theaterverlag bearbeitet. Drescher ließ eine Computerabschrift von Handkes Typoskriptkopie herstellen. Eine Kopie des Ausdrucks schickte er am 15. November 1995 an Handke, mit den Zeilen: »wie telefonisch besprochen sende ich Ihnen eine Kopie des neu getippten Manuskripts "Zurüstungen für die Unsterblichkeit". Bitte bringen Sie Ihre Veränderungen in dieses Manuskript ein; die Korrekturen lassen sich dann von uns auf dem Bildschirm relativ einfach bewerkstelligen.« (DLA, SUA, A: Suhrkamp Verlag, Handke Peter)

Handke antwortet schon kurz drauf, am 20. November 1995, und äußerte seine Unzufriedenheit mit der Abschrift, welche »gewaltige Schreibfehler« enthalte. »[I]ch getraue mich gar nicht, Seite um Seite zu prüfen […]. Bitte, vor dem In-die-Welt-Schicken den Text noch Wort für Wort prüfen lassen!« (DLA, SUA, A: Suhrkamp Verlag, Handke Peter) Mit dem Brief schickte er Drescher noch weitere Texteinfügungen, darunter auch längere Ergänzungen, die er als eigens getippte Typoskripte oder als handschriftliche Anmerkungen auf den Abschriftblättern seinem Schreiben beigelegte. »Bitte zweifeln Sie nicht an unserer Gewissenhaftigkeit«, bat ihn Hans-Jürgen Drescher in seiner Antwort vom 27. November 1995. »Wir werden Ihre Veränderungen in das Manuskript einbringen und dabei alle übrigen Korrekturen ausführen. Erst dann wird der Text nach Absprache mit Ihnen, an ausgewählte Theaterleute versandt.« (DLA, SUA, A: Suhrkamp Verlag, Handke Peter)

Vierte bis sechste Textfassung (November 1995Jänner 1996)

Die folgenden Computerausdrucke dokumentieren die sukzessive Realisierung der Korrekturen und Textergänzungen Handkes; sie zeigen keine großen Eingriffe. Die vierte und fünfte Fassung blieben ohne Datierungen und können daher nur ungefähr einer Entstehungszeit von Ende November bis Ende Dezember zugeordnet werden. Die sechste Fassung lässt sich durch eine kleine Notiz auf den 24. Jänner 1996 datieren; sie dürfte als Bühnenbuch gebunden an die Theaterhäuser verschickt worden sein. Diese letzten Korrekturstadien der Computerabschrift scheinen Handke nicht mehr wesentlich interessiert zu haben, es gibt keine von ihm korrigierten Exemplare, keine Hinweise auf seine Durchsicht der Ausdrucke in der Korrespondenz. Bis zu den Druckfahnen, die erst im Juli 1996 erstellt wurden, standen für Handke (teilweise ungeplant) sich vordrängende andere Schreibprojekte im Vordergrund.

Winterliche Reise

Zu diesen sich vordrängenden Projekten zählt der Serbienessay Eine winterliche Reise, den Handke laut eigener Datierung zwischen 27. November und 11. Dezember 1995 mit Bleistift auf die Rückseite der »fehlerhaften« dritten Textfassung von Zurüstungen für die Unsterblichkeit schrieb. Danach überarbeitete er das Manuskript bis zum 17. Dezember zu einem Typoskript und schickte es vier Tage später, am 21. Dezember 1995, an Unseld. Der Essay erschien schon kurz danach in den Wochenendausgaben der Süddeutschen Zeitung am 5./6. und 13./14. Januar 1996. Mit Unseld besprach Handke den Text während seiner Spanienreise am 13. und 14. Jänner 1996 in Madrid (Handke / Unseld S. 657), wo er ihn für die Buchausgabe korrigierte, die bereits am 2. Februar 1996 ausgeliefert wurde. Zum Teil als Folge auf die heftigen Reaktionen las Handke zwischen Februar und Juni 1996 an mehreren Orten in Deutschland, Österreich, Slowenien und Serbien aus seinem Buch und stellte sich der öffentlichen Diskussion (Handke / Unseld S. 661).

Im Essay findet man dabei auch eine Stelle, die sehr an das zuvor im Theaterstück formulierte »Gesetz« erinnert und eine praktische Umsetzung dieses Gesetzes als tatsächliche Lösung vorschlägt: »Die bösen Fakten festhalten, schon recht. Für einen Frieden jedoch braucht es noch anderes, was nicht weniger ist als die Fakten. Kommst du jetzt mit dem Poetischen? Ja, wenn dieses als das gerade Gegenteil verstanden wird vom Nebulösen. Oder sag statt "das Poetische" besser das Verbindende, das Umfassende – den Anstoß zum gemeinsamen Erinnern, als der einzigen Versöhnungsmöglichkeit, für die zweite, die gemeinsame Kindheit.« (ERF 133)

In einer stillen Nacht (April 1996)

In den Gesprächen mit Unseld in Madrid im Jänner 1996 berichtete Handke auch über seine weiteren Arbeitspläne, die man in Unselds Reisebericht nachlesen kann: »Er wird jetzt zwei Monate "herumhängen". Von April an würde er wieder schreiben, eine Erzählung, etwa 200 Seiten, er wisse nicht, wie lange er dazu brauche, er rechne vier Monate.« (Handke / Unseld S. 658) Damit musste Handke seine Erzählung In einer dunklen Nach ging ich aus meinem stillen Haus gemeint haben, die er allerdings erst vier Monate später, in der Zeit von 25. Juli bis 30. Oktober 1996, im spanischen Cuenca und in Chaville schrieb.

Sommerliche Reise (Mai Juli 1996)

Da die Winterliche Reise während ihres Madrid-Treffens erst veröffentlicht wurde, stand die Lesereise Handkes vermutlich noch nicht fest; sie war lediglich in Planung. Sie dürfte mitunter ein Grund für den sich verzögernden Schreibbeginn der Dunklen Nacht gewesen sein. Die Lesetour führte Handke auch wieder nach Serbien und könnte zusammen mit den Reaktionen auf die Winterliche Reise Anlass gegeben haben für den zwischen 26. Juni und 22. Juli 1996 geschriebenen Sommerlichen Nachtrag zu einer winterlichen Reise, seinen zweiten Serbienessay, der von einer Serbienreise Handkes im Mai/Juni 1996 berichtet.

Druckfahnen (Juli bis September 1996)

Die Arbeit an den verschiedenen Projekten überschneidet sich ab Juli 1996. Die Druckfahnen zu Zurüstungen für die Unsterblichkeit und zum Sommerlichen Nachtrag erschienen zeitgleich. Der Konflikt mit Raimund Fellinger war seit Jänner 1996 beigelegt, er hatte das Lektorat von Zurüstungen wieder übernommen. Fellinger schickte Handke die Fahnen erster Lauf vermutlich beide Texte per Eilpost am 7. August 1996 nach Grimaud in der Provence, die Handke kurz danach, am 14. August 1996, seinem Freund Hans Widrich schenkte. Handke dürfte die Fahnenkorrekturen von Sommerlicher Nachtrag vorgezogen haben, denn das erste Fahnenexemplar von Zurüstungen ist nur im ersten Drittel ansatzweise korrigiert. Sein zweites, durchgängig korrigiertes Exemplar ging vermutlich Ende August an den Verlag und zeigt nur mehr geringe Eingriffe. Laut einer Notiz von Fellinger auf seinen Druckfahnen des ersten Laufs wurde am 23. September 1996 zur Kontrolle der Korrektureinarbeitung ein zweiter Lauf erstellt, der aber nicht mehr erhalten ist.

Erstausgabe (Jänner 1997)

Die Werke erschienen nun in kurzen Abständen hintereinander: Am 30. September 1996 wurde der Sommerliche Nachtrag an den Buchhandel ausgeliefert, vier Monate später, am 22. Jänner 1997, folgte das »Königsdrama« Zurüstungen für die Unsterblichkeit, weitere drei Monate später, am 21. April 1997, die Erzählung In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus.

Uraufführung (Februar 1997)

Die Uraufführung von Zurüstungen für die Unsterblichkeit fand kurz nach der Buchveröffentlichung, am 8. Februar 1997 im Burgtheater Wien, statt. Regie führte Claus Peymann. Das Bühnenbild gestaltete Achim Freyer, in den Hauptrollen spielten Wolfgang Gasser (Großvater) Traute Hoess und Ursula Höpfner (die beiden Töchter), Gert Voss (Pablo Vega) und Johann Adam Oest (Felipe Vega), Anne Bennent (junge Wandererzählerin), Martin Schwab (Volk), Urs Hefti (Idiot) und Therese Affolter (Flüchtlingin).

Siegfried Unseld besuchte die Uraufführung in Wien und notierte dazu in seinem Reisebericht: »Die Burg war ausverkauft, Intendanten vieler Theater, Kritiker aller Zeitungen waren anwesend und auch die Regisseure, die in Kürze die Aufführungen in Frankfurt und Hamburg inszenieren werden […].« (Handke / Unseld 2012, S. 668) Von der Aufführung zeigte er sich begeistert: »Handkes neuer epischer, nicht dramatischer Form entsprach die liebevolle, ins Detail gehende Inszenierung: Das bestechende Bühnenbild von Achim Freyer, die Kostüme von Maria-Elena Amos, ein riesiger Aufwand an Schauspielern, Fabeltieren und viel Beiwerk. Sterne segeln durch die Luft, Vögel fliegen über die Bühne, Flaggen brennen, Kinderschiffe entstehen und verfallen, Weizen wächst aus schwarzem Boden und geht wieder ein. Quer über die Bühne werden Opfer von Tätern gejagt, und noch am Schluß erscheint die "Raumverdrängerrotte" als drohende und mahnende Erscheinung: Gewalt wird kommen, wenn unter den Menschen nicht eine andere Ordnung aufkommt. [...] Am Schluß großer Beifall. Als nach unzähligen Verbeugungen der Schauspieler Peymann mit seiner Regiemannschaft auf die Bühne kam, Ovationen, und, als schließlich Handke doch auf der Bühne erschien, Jubel.« (Handke / Unseld S. 669) (kp)

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