Cod. Ser. n. 4242 ( + Uppsala, Universitätsbibliothek, Fragm. germ. 1)

Brevier-Fragmente ('Uppsala-Wiener Gebetbuch')

Melk (?), 1. Viertel des 13. Jhdts.

Pergament. 8 Blätter unterschiedlicher Größe (24,5 x 16,5 cm).

Einband: Pappband, Wien 1928

Provenienz: Das Brevier hat sich im späten 15. Jahrhundert in Wien befunden und wurde hier zerlegt: Die Uppsalaer Fragmente bildeten Vor- und Nachsatzblätter der Inkunabel 35:63 in der Universitätsbibliothek Uppsala (Petrus de Monte Brixiensis, 'Repertorium utriusque juris'; Nürnberg, Andreas Frisner und Johann Sensenschmidt, 7. 10. 1476). Anhand einer Durchreibung des Einbandes, die Lars Munkhammar (UB Uppsala) freundlicherweise angefertigt hat, läßt sich nachweisen, daß diese vom Buchbinder Blasius Coniugatus (Ehmann) in Wien gebunden worden ist - zu diesem vgl. G. Laurin, Bemerkenswerte Einbände der Bibliothek des Franziskanerklosters in Graz, in: Gutenberg-Jahrbuch 38 (1963), 281-283, und Holter, Wiener Bucheinbände, 1977, 21 und Tafel 20, F.1; später gelangte die Inkunabel in die Domkapitularbibliothek Olmütz, 1654 war sie laut Exlibris im Besitz von Magnus Gabriel De La Gardie, Kanzler der Universität Uppsala, dann in der UB Uppsala (siehe I. Collijn, Katalog der Inkunabeln der Kgl. Universitäts-Bibliothek zu Uppsala, Uppsala & Leipzig 1907, Nr. 1196). Anfang des 20. Jhdts. wurden die Fragmente herausgelöst und als 'Fragm. germ. 1' der Fragmentensammlung zugeordnet (Psilander).
Die in Cod. Ser. n. 4242 erhaltenen Blätter befanden sich seit dem 15. Jhdt. wohl immer in Wien; fol. 1r trägt eine barocke Signatur 'Lit O n: L', die offenbar mit der Bibliothek des Augustiner-Chorherrenstiftes St. Dorothea (gegr. 1414) in Wien zusammenhängt, dessen Bestände nach der Auflassung 1786 in die Hofbibliothek kamen - vgl. die bei Madas nicht erwähnte Signatur des schon im 15. Jhdt. in St. Dorothea nachweisbaren Cod. 5137 auf fol. Ir (E. Madas, Die in der Österreichischen Nationalbibliothek erhaltenen Handschriften des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstiftes St. Dorothea in Wien, in: Codices manuscripti 8 [1982], 104). Menhardts Vermutung einer Lambacher Provenienz läßt sich daher nicht stützen.


Uppsala, Universitätsbibliothek, Ink. 35:63
Nr. 1 = Holter, F.1, Nr. 8
Nr. 2 = Holter, F.1, Nr. 9
Nr. 3 = Holter, F.1, Nr. 12
Nr. 4 = Holter, F.1, Nr. 25
Nr. 5 = Holter, F.1, Nr. 3
Nr. 6 = Holter, F.1, Nr. 6
Nr. 7 = Holter, F.1, Nr. 5
 

Ser. n. 4242, fol. 1r

Vgl. Cod. 5137, fol. Ir


Inhalt: Breviarium (Fragmente), beschrieben von Menhardt und Mazal. - Der Großteil der Fragmente in Uppsala ediert von Psilander.

Buchschmuck: Einzeilige, meist rote und blaue Majuskeln, einmal grün; auf fol. 6r zweizeilig mit kräuselblattähnlichem Dekor im Binnenfeld und als Besatz. Zwei- bis neunzeilige rote Initialen auf gelbem, blauem und grünem Grund: Rankeninitialen auf 1r, 1v, 3r, 3v (mit Profilmaske am Ende der Cauda), 4r, 4v (3, eine mit Profilmaske), 5r (2, eine mit Profilmaske), 5v (2, bei der unteren im Binnenfeld ein Vogel), 6r, 7r (2, eine mit Profilmaske), 7v, 8r (der Halbbogen durch einen Drachen ersetzt), 8v (2, die untere mit Profilmaske); Dracheninitialen auf fol. 3r, 5r und 7r (mit Vogelkopf)
Die acht Blätter umfassenden Uppsalaer Fragmente sind gleichartig ausgestattet (vgl. die Beschreibung der Farben bei Rooth) und besitzen (nach Mikrofilm I/fol. 1r-5v, ohne fol. 6, und II/fol. 1r-2v) zwei- bis sechszeilige Rankeninitialen mit Profilmasken (z.B I/fol. 5r und II/fol. 2ro), Drachen, die Buchstabenteile ersetzen (z.B. I/fol. 1r, 3v, 4r und II/fol. 2ro) sowie Vogel- (z.B. II/fol. 1ro) und Dracheninitialen (z.B. I/fol. 1ru mit Profilmaske am Schwanzende).

Stil und Einordnung: Wie H. Burmeister und J. Wolf entdeckt haben, sind die als 'Uppsalaer Frauengebete' bekannt gewordenen Bruchstücke Fragm. germ. 1 der Universitätsbibliothek Uppsala gemeinsam mit Cod. Ser. n. 4242 Überreste eines lateinisch-mittelhochdeutschen Stundenbuches. Der deutsche Dialekt wird als 'oberdeutsch, wol bairisch' (Psilander) bzw. 'bayr.-österr.' (Menhardt) beurteilt, die Schrift - allerdings ohne Vergleichsbeispiele - dem 'ostbairischen, donauländischen Raum (Linie Passau-Wien)' zugeordnet (Burmeister / Wolf).
Aufgrund des Buchschmucks ist anzunehmen, daß dieses frühe Stundenbuch in Melk entstanden ist. Die bewegten, kleinteilig gebogten Blätter in ihren verschiedenen Varianten - z.T. mit geperlten Mittelrippen - schließen unmittelbar an Melker Handschriften der Zeit um 1200 wie z.B. Cod. 15437 an. Farbige Initialgründe sind in der Buchmalerei des nö. Skriptoriums im 1. Drittel des 13. Jahrhunderts ohnehin durchgehend zu belegen, und ein Charakteristikum der Fragmente, das Verwenden von Profilmasken, findet sich, wenn auch nicht in dieser Häufigkeit, in etwas jüngeren Melker Handschriften: In Cod. 8 der Stiftsbibliothek bildet z.B. auf fol. 61v ein von Blättern gerahmter blattspeiender Profilkopf das Abschlußmotiv einer Ranke, und in dieser Handschrift auf fol. 11r wie auch im Melker Cod. 382 auf fol. 177v sind Profilköpfe als Endmotiv des Ablaufs von Initialen verwendet - in beiden Fällen mit markant vorgewölbter Stirnpartie und damit im Typ gut vergleichbar mit Ser. n. 4242. Ohne figürlichen Schmuck, aber sonst stilistisch ganz eng verwandt ist auch die verstümmelte Rankeninitiale auf dem noch nicht signierten Fragment einer Melker (?) Musikhandschrift im Wiener Schottenstift.
Das ursprünglich reich ausgestattete Stundenbuch - fast jedes Gebet ist mit einer Initiale betont - war, wie aus weiblichen Formen in Gebeten hervorgeht, für eine höhergestellte, gebildete Frau bestimmt; zu vermuten ist eine Äbtissin oder eine Angehörige des Hofes (Burmeister / Wolf). Inhaltlich gibt es sonst keine schlüssigen Anhaltspunkte für den Bestimmungsort; in einem mhd. Gebet an Christus (Fragm. germ. lat. I/fol. 6v - vgl. Psilander, 375) fehlt unter den genannten Märtyrern der Melker Patron Kolomann, so daß bei der Lokalisierung nach Melk trotz der eindeutigen Beziehungen im Buchschmuck ein Fragezeichen bleibt.


Ser. n. 4242, fol. 8v

Vgl. Cod. 15437, fol. 9r
 

Ser. n. 4242, fol. 8v

Vgl. Wien, Schottenstift, Fragment ohne Signatur.
 

Ser. n. 4242, fol. 4v

Vgl. Melk, Stiftsbibliothek, Cod. 382, fol. 177v
  Vgl. Melk, Stiftsbibliothek, Cod. 8, fol. 61v
 

Ser. n. 4242, fol. 4v
 


Literatur: Hermann, Handschriften, 1926, Nr. 176 - H. Menhardt, Verzeichnis der altdeutschen literarischen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek, Bd. 3, Berlin 1961, 1516f. - O. Mazal, Katalog der abendländischen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek, Series Nova (Neuerwerbungen), Teil 4, Cod. ser. n. 4001-4800 (Museion N.F. 4. Reihe, 2. Bd.), Wien 1975, 109f. - H. A. Burmeister / J. Wolf, Handschriftenfunde zur Literatur des Mittelalters. Miszellen aus dem 'Repertorium deutschsprachiger Handschriften des 13. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 127, Stuttgart 1998, 63-68.
Zu Uppsala, Universitätsbibliothek, Fragm. germ. 1: HJ. Psilander, Mittelhochdeutsche Frauengebete in Upsala, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 49 (NF. 37), Berlin 1908, 363-375. - E. Rooth, Die mittelalterlichen deutschen Handschriften der Universitätsbibliothek Uppsala, in: Uppsala Universitetsbiblioteks Minnesskrift 1621-1921, Uppsala 1921, 92. - Die deutsche Literatur des Mittelalters - Verfasserlexikon, Bd. 10, Berlin - New York 1997, 114f. (P. Ochsenbein). - Burmeister / Wolf, Handschriftenfunde, 1998. - Marburger Repertorium deutschsprachiger Handschriften des 13. Jahrhunderts.

(FS)




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