Cod. 716 (Theol. 116)

Rupertus Tuitiensis - Beda Venerabilis

Biburg, um 1150/1160

Pergament (Vor- und Nachsatzbll. Papier), I+121+I* Blätter. 32 x 21 cm. Kustoden: römische Zahlen am Lagenende.

Einband: Weißes Pergament über Pappdeckeln, Van Swieten, Wien 1755.

Provenienz: Mittelalterliche Provenienz nicht eindeutig geklärt; auf fol. 1r ist unten der Buchstabe C eingetragen, vermutlich eine Signatur des Wiener Mediziners und Historiographen Wolfgang Lazius (1514-1665), der seine Handschriften derartig signierte - vgl. F. Unterkircher, Vom Tode Maximilians I. bis zur Ernennung des Blotius (1519-1575), in: Geschichte der Österreichischen Nationalbibliothek, hrsg. v. Josef Stummvoll unter Mitarbeit v. Alois Kisser [u.a.]. Wien 1968, 62-67 u. 76f. Trifft das zu, hat Lazius, der nachweislich im benachbarten Weltenburg war, die Handschrift wohl aus Biburg nach Wien gebracht. Durch die Blotius-Signatur 'N 4075' auf fol. 121v ist sie seit 1576 in der Wiener Hofbibliothek nachweisbar.

Inhalt: Rupertus Tuitiensis, De glorificatione trinitatis et processione spiritus sancti, cum epistola ad papam Honorium II. (fol. 1v-99r) - Rupertus Tuitiensis, De meditatione mortis (fol. 99r-111r) - Beda Venerabilis, Epistola ad Nothelmum, De quibusdam quaestionibus, quae exponit in libro regum (fol. 111r-121v).

Buchschmuck: Rote Überschriften, meist dreizeilige rote Majuskeln, teilweise mit einfachen, meist silhouettierten Blattmotiven am Ablauf (z.B. 25v, 31r, 32v, 56r, 97v). 11 rote, sechs- bis vierzehnzeilige Rankeninitialen (fol. 3r Q, 4v T, 13r Q, 24v B, 35r S, 45v S, 57r Q, 68v G, 78v C, 89r G, 99r Q).

Stil und Einordnung: Die Ausstattung der Handschrift stammt von zwei Händen: charakteristisch für sechs in sicherer Zeichnung ausgeführte Initialen (fol. 3r, 4v, 13r, 24v, 35r und 78v) sind feine Linien, die den Umriß von Buchstabenstamm, Ranken- und Blattformen begleiten; die bewegten, teilweise plastischen Blattmotive wirken teigig und gleichsam in die Länge gezogen. Auf fol. 45v, 57r, 68v, 89r und 99r finden sich dagegen Initialen, die mit einer stumpfen Feder oder einem Pinsel angelegt wurden; das verwendete Formenrepertoire entspricht zum Teil den oben genannten Initialen, die Ausführung ist jedoch weit flüchtiger.
Aufgrund des Initialstils läßt sich die Handschrift dem Skriptorium des bayerischen Benediktinerklosters Biburg zuordnen. Die erste Initialen-Gruppe entspricht stilistisch den Federzeichnungsinitialen der Biburger Bibel aus dem Jahr 1147 (München, Universitätsbibliothek, 2° Cod. ms. 28); dieselbe Hand hat vermutlich auch Clm 14735 der Bayerischen Staatsbibliothek in München ausgestattet (dazu Klemm, München, 1980, Nr. 21). Gemeinsamkeiten in Form und Ausführung der Blätter ergeben sich auch mit Cod. Hamilton 252 der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin, der wohl ebenso in Biburg entstanden ist - vgl. Fingernagel, Berlin, 1999, Nr. 134.
Die zweite Gruppe von Initialen in Cod. 716 ist durch z.T. identische Blatt- und Schließenformen eng verwandt mit ähnlich flüchtig ausgeführten Initialen im 1163 datierten Biburger Homiliar der UB München (2° Cod. ms. 15, z.B. fol. 143r) und dem ersten Teil von Clm 564 (bes. fol. 2v - vgl. Klemm, München, 1988, Nr. 307).


Cod. 716, fol. 4v

Vgl. München, Universitätsbibliothek, 2° Cod. ms. 28, fol. 158v

Vgl. Berlin, Staatsbibliothek, Hamilton 252, fol. 1v
 

Cod. 716, fol. 24v

Vgl. München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 14375, fol. 1v
 

Cod. 716, fol. 68v

Vgl. München, Universitätsbibliothek, 2° Cod. ms. 15, fol. 143r


Vgl. München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 564, fol. 2v
   

Cod. 716, fol. 45v

Vgl. Cod. 716, fol. 35r


Literatur: Hermann, Handschriften, 1926, S. 270f. - R. Rainer, Ars moriendi - Von der Kunst des heilsamen Lebens und Sterbens, Köln-Graz, 12, Anm. 5, und 128 - Simader, Rein, 2001, 5 Anm. 42.

(FS)

Angelegt im Dezember 2001, geändert August 2003.

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