Cod. 226 (Univ. 237)

Historische Sammelhandschrift

Lambach (?), 2. Viertel 12. Jahrhundert

Pergament. III+126+III* Blätter (Vor- und Nachsatzblätter Papier). 23 x 15 cm.

Einband: Verbräuntes weißes Schweinsleder über Buchenholzdeckeln (15. Jhdt.); der mit Streicheisengliederung und einem Stempelmotiv verzierte Lederbezug ist jedoch nur mehr am Rücken und in Streifen auf den Deckeln erhalten. Spuren einer Schließe, die am HD befestigt war. Am Rücken oben eine handgeschriebene Signatur '186'.

Cod. 226, Einbandstempel


Provenienz: Mittelalterliche Provenienz unbestimmt. Laut Lechner wurde die Handschrift im niederösterreichischen Benediktinerstift Göttweig von Aenea Silvio Piccolomini (1405-1464), dem späteren Papst Pius II., benützt - in der Handschrift fehlen allerdings Hinweise darauf. Csapodi-Gárdonyi identifiziert als Urheber von Randvermerken auf fol. 7v, 8r, 13r, 13v, 14v, 15r, 15v etc. Johannes Vitéz de Zredna (1408-1472), 1445 Bischof von Großwardein, 1465-1472 Erzbischof von Gran; ob sich die Handschrift, wie hier vermutet, in Ungarn befunden hat, ist ungewiß. Nach Hermann stammen einige Randvermerke von dem Humanisten Johannes Cuspinianus (1473-1529), am Oberschnitt befindet sich - heute kaum mehr lesbar - die Signatur '343' (?) Cuspinians (Ankwicz-Kleehoven); aus seinem Nachlass wurde die Handschrift vom Wiener Bischof Johannes Fabri (1478-1541) erworben, dessen beschädigtes Exlibris am VD innen eingeklebt ist; auf fol. 126v ist ein Exlibrisvermerk des Bischofs Fabri von der Hand des Sekretärs Carolus Entianer (10. Jänner 1540). Fabri vermachte seine Bücher dem Wiener Kollegium St. Nikolaus, von dem sie in die Universitätsbibliothek und schließlich 1756 an die Hofbibliothek gelangten. Vorsignaturen 'Univ. 690', dann 'Univ. 237'.

Inhalt: Foll. 1r-47v Jordanes, De rebus Geticis - ff. 47v-48v Excerptum ex historia Galliae - ff. 49r-91r Iordanes, De regnorum et temporum successione - ff. 92r-107r Dares Phrygius, Historia Troiana - ff. 107r-126v Historia Apollonii Tyri.

Buchschmuck: Rote Überschriften. Textanschluß sepiabraun, rot koloriert. Ein- bis vierzeilige rote oder sepiabraune Majuskeln, letztere manchmal rot gepunktet. Sechs ca. fünf- bis elfzeilige Rankeninitialen ('V' fol. 1r, 'M' fol. 1v, 'V' fol. 49r, 'R' fol. 49v, 'C' fol. 92r und 'I' fol. 107r), auf fol. 1r/v in Rot mit sepiabraunen Schließen, Blattappliken und Blüten; die Initialen auf fol. 49r, 92v und 107r ursprünglich nur rot, mit nachträglich sepiabraun konturierten bzw. bezeichneten Schließen und Blattmotiven; fol. 49v Initiale in sepiabrauner Zeichnung. Fol. 97r unterhalb des Schriftspiegels eine nahzeitige braune Rankeninitiale C.

Stil und Einordnung: Die beiden ersten Initialen der Handschrift zeigen mit der Kombination von eingerollten, knolligen Rankenenden und farblich davon abgesetzten Schließen, Blüten und tütenförmigen Blattappliken charakteristische Elemente des Lambacher Buchschmucks, wie ihn z.B. das von Lambacher Buchmalern ausgestattete Missale für Kremsmünster in Stuttgart (Württembergische Landesbibliothek, Cod. bibl. fol. 20, nach 1136) oder der um 1150/60 entstandene Cod. 1112 der Stiftsbibliothek Göttweig (olim Cml XCV) zeigen. Die drei von anderer Hand stammenden Initialen auf fol. 49r, 92v und 107r besitzen vorwiegend knollenförmige Rankenabschlüsse, die im 2. Viertel des 12. Jahrhunderts bei Lambacher Handschriften wie Cod. Ser. n. 3608 (olim CIX) gängig sind; mit diesem Codex stimmen auch Details wie gebänderte Fruchtkolben überein. Cod. 226 läßt sich daher auf jeden Fall dem Raum Oberösterreich und mit großer Wahrscheinlichkeit dem Lambacher Skriptorium zuordnen.


Cod. 226, fol. 1r

Vgl. Göttweig, Stiftsbibliothek, Cod. 1112, fol. 4r
  Vgl. Stuttgart, WLB, Cod. bibl. fol. 20, Abb. ab fol. 102r.
 

Cod. 226, fol. 1v

Vgl. Göttweig, Stiftsbibliothek, Cod. 1112, fol. 32v
  Vgl. Stuttgart, WLB, Cod. bibl. fol. 20, Abb. ab fol. 102r.
 

Cod. 226, fol. 49r

Vgl. Cod. Ser. n. 3608, fol. 91v
 

Cod. 226, fol. 92r

Vgl. Cod. Ser. n. 3608, fol. 51r


Literatur: Hermann, Handschriften, 1926, Nr. 131 - H. Ankwicz-Kleehoven, Die Bibliothek des Dr. Johann Cuspinian. Wien 1948, 222 Anm. 4, und S. 2 des maschinschriftlichen Anhangs - O. Mazal, Byzanz und das Abendland. Wien 1981, Nr. 31 (S. 77) - Ausstellungskatalog '900 Jahre Stift Göttweig 1083-1983. Ein Donaustift als Repräsentant benediktinischer Kultur'. Göttweig 1983, Nr. 1092 (G. M. Lechner) - G. A. A. Kortekaas, Historia Apollonii regis Tyri. Prolegomena, text edition of the two principal latin recensions, bibliography, indices and appendices. Groningen 1984, 18, 20 und Anm. 66, 89 und 592 - K. Csapodi-Gárdonyi, Die Bibliothek des Johannes Vitéz (Studia Humanitatis 6). Budapest 1984, Nr. 51 und Abb. 34 (fol. 39v) - G. Schmeling, Historia Apollonii regis Tyri. Leipzig 1988, X (Sigle V), XV - M. Debae, La bibliothèque de Marguerite d'Autriche: essai de reconstitution d'après l'inventaire de 1523-1524. Leuven 1995, 409.

(FS)



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